Gefaehrliche Liebe

Book Jacket

Series: Die Tribute von Panem [2]

Tags: Roman

Die siebzehnjährige Katniss hat die grausamen Hungerspiele überlebt, zusammen mit ihrem Freund Peeta. Das bedeutet ein eigenes Haus in ihrem Heimatdistrikt 12, außerdem genug zu essen für ihre Familien. Aber all das kann Kat nur kurz genießen: Sie muss als Siegerin öffentlich für das verhasste Kapitol posieren und weiter mit Peeta das Liebespaar spielen. Auf der Tour der Sieger durch die unterjochten Distrikte werden die beide Zeugen von brutaler Gewalt, aber sie entdecken auch Anzeichen für einen Aufstand. Und dann schlägt das Kapitol mit voller Wucht zu: Um jeden Widerstand zu brechen, werden die Teilnehmer der diesjährigen Hungerspiele aus den Reihen aller früheren Sieger ausgelost – und Kat und Peeta müssen zurück in die Arena. Gegen zweiundzwanzig erfahrene Kämpfer treten sie an, aber mit gegenteiligen Zielen: Während Peeta Kat schützen will, wird Kat diesmal alles tun, damit Peeta überlebt. Allerdings haben sie beide keine Ahnung davon, was inzwischen hinter den Kulissen geschieht … Mit dem ersten Teil ihrer „Tribute“-Trilogie, Die-Tribute-Panem-Tödliche-Spiele, ist Suzanne Collins bereits ein Weltbestseller gelungen. Kann da der zweite Band in der nun schon bekannten Panem-Welt ebenso spannend, aufregend und überraschend sein? Er kann. Das liegt vor allem an Kat, der wunderbaren Heldin dieser Geschichte. Aber auch daran, dass die Autorin immer wieder unglaubliche, aber dennoch glaubwürdige Wendungen aus dem Hut zaubert. Das einzige Problem bei diesem Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen kann, wenn man sich einmal festgelesen hat: Das vorläufige Ende stellt alles auf den Kopf – und wie es weitergeht, erfahren wir erst im dritten Band!


Suzanne Collins

Die Tribute von PANEM


Gefährliche Liebe

Roman


Deutsch von Sylke Hachmeister und Peter Klöss

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Hunger Games. Catching Fire«


TUX - ebook 2010


Band 1: Die Tribute von Panem. Tödliche Spiele


Band 2: Die Tribute von Panem. Gefährliche Liebe


Die Tribute von PANEM


Gefährliche Liebe

Teil 1

Der Funke


1

Ich halte die Thermoskanne in der Hand, obwohl sich die Wärme des Tees längst in der eisigen Luft verflüchtigt hat. Meine Muskeln sind vor Kälte ganz starr. Wenn jetzt ein Rudel wilder Hunde auftauchen würde, stünden die Chancen, dass ich auf dem Baum wäre, ehe sie mich angreifen, nicht besonders gut. Ich müsste eigentlich aufstehen, herumlaufen und die Steifheit aus den Gliedern vertreiben. Stattdessen sitze ich da, reglos wie der Stein unter mir, während das Morgenlicht allmählich durch den Wald bricht. Gegen die Sonne kann ich nichts ausrichten. Ich kann nur hilflos zusehen, wie sie mich in einen Tag hineinzieht, vor dem mir seit Monaten graut.

Gegen Mittag werden sie alle in mein neues Haus im Dorf der Sieger einfallen. Reporter und Kamerateams aus dem Kapitel werden nach Disktrikt 12 kommen und auch Effie Trinket, meine alte Betreuerin, wird da sein. Ich überlege, ob Effie wohl immer noch die alberne rosa Perücke trägt oder ob sie extra für die Tour der Sieger eine andere künstliche Farbe zur Schau trägt. Und noch mehr Menschen werden auf mich warten. Eine Gruppe von Dienern, die mich während der langen Zugfahrt rundum versorgen. Ein Vorbereitungsteam, das mich für die öffentlichen Auftritte zurechtmacht. Und mein Stylist und Freund Cinna, der die hinreißenden Kostüme entworfen hat, dank deren das Publikum bei den Hungerspielen überhaupt erst auf mich aufmerksam geworden ist.

Ginge es nach mir, würde ich versuchen, die Hungerspiele aus meiner Erinnerung zu streichen. Nie mehr davon sprechen. So tun, als wären sie nur ein schlimmer Traum gewesen. Doch die Tour der Sieger macht das unmöglich. Das Kapitol hat sie, strategisch günstig, fast genau zwischen den jährlichen Spielen eingeplant, damit das Grauen frisch und lebendig bleibt. Nicht nur, dass sie die Bewohner der Distrikte dazu zwingen, sich jedes Jahr wieder an den eisernen Griff des Kapitols zu erinnern - wir müssen ihn auch noch feiern. Und in diesem Jahr bin ich einer der Stars der Show. Ich werde von einem Distrikt zum anderen reisen müssen, vor der jubelnden Menge stehen, die mich insgeheim verabscheut, ich werde den Familien ins Gesicht sehen müssen, deren Kinder ich getötet habe …

Die Sonne steigt beharrlich weiter, also zwinge ich mich aufzustehen. Meine Gelenke rebellieren, und mein linkes Bein war so lange eingeschlafen, dass ich einige Minuten auf und ab gehen muss, bis ich wieder Gefühl darin habe. Ich war drei Stunden im Wald, aber da ich nicht ernsthaft versucht habe, etwas zu jagen, kann ich keinen Erfolg vorweisen. Für meine Mutter und meine kleine Schwester Prim ist das auch nicht mehr nötig. Sie können es sich jetzt leisten, Fleisch beim Metzger in der Stadt zu kaufen, auch wenn es keinem von uns besser schmeckt als frisches Wild. Doch mein bester Freund Gale Hawthorne und seine Familie sind auf frische Beute angewiesen und ich kann sie nicht im Stich lassen. Ich mache mich auf den Weg, eineinhalb Stunden dauert es, unsere Fallen abzulaufen. Als wir noch zur Schule gingen, hatten wir nachmittags Zeit, gemeinsam die Fallen abzulaufen, zu jagen und zu sammeln, und waren immer noch rechtzeitig zum Tauschen auf dem Markt. Aber jetzt, da Gale im Kohlebergwerk arbeitet und ich den ganzen Tag nichts zu tun habe, habe ich diese Aufgabe übernommen.

In diesem Augenblick hat Gale schon beim Bergwerk gestempelt, ist mit dem Förderkorb in schwindelerregende Tiefen gefahren und schlägt die Kohle aus der Erde. Ich weiß, wie es dort unten zugeht. Jedes Jahr in der Schule mussten wir mit der Klasse die Bergwerke besichtigen, das war Teil des Unterrichts. Als ich noch klein war, war es nur unangenehm. Die klaustrophobischen Tunnel, die schlechte Luft, die erstickende Dunkelheit von allen Seiten. Doch nachdem mein Vater und einige andere Bergarbeiter bei einer Explosion ums Leben gekommen waren, konnte ich mich kaum noch überwinden, den Förderkorb zu betreten. Der jährliche Ausflug wurde für mich zum Horrortrip. Zweimal wurde mir vorher so übel, dass meine Mutter mich zu Hause behielt, weil sie dachte, ich hätte die Grippe.

Ich denke an Gale, der nur im Wald richtig lebendig ist, im Wald mit der frischen Luft, der Sonne und dem sauberen Wasser. Ich weiß nicht, wie er das aushält. Oder … doch, ich weiß es. Er hält es aus, weil er nur so für seine Mutter und seine beiden jüngeren Brüder und die Schwester sorgen kann. Und hier sitze ich mit einem Haufen Geld, mehr als genug für unsere beiden Familien, und er weigert sich, auch nur das kleinste bisschen anzunehmen. Selbst das Fleisch von mir zu nehmen, kostet ihn Überwindung, obwohl er ganz bestimmt für meine Mutter und Prim gesorgt hätte, wenn ich bei den Spielen getötet worden wäre. Ich sage ihm, dass er mir damit einen Gefallen tut und dass es mich verrückt machen würde, den ganzen Tag herumzusitzen. Trotzdem bringe ich das Fleisch nie vorbei, wenn er zu Hause ist. Was kein Problem ist, da er täglich zwölf Stunden arbeitet.

Ich bekomme Gale jetzt nur noch sonntags zu Gesicht, wenn wir uns im Wald treffen, um gemeinsam zu jagen. Das ist immer noch der beste Tag der Woche, aber nicht mehr so wie früher, als wir uns alles erzählen konnten. Selbst das haben die Spiele kaputt gemacht. Ich hoffe immer noch, dass wir eines Tages wieder so ungezwungen zusammen sein können, doch im Grunde weiß ich, dass das nicht geht. Es gibt kein Zurück.

Die Fallen bringen gute Beute - acht Kaninchen, zwei Eichhörnchen und einen Biber, der in ein Drahtgeflecht geschwommen ist, das Gale erfunden hat. Im Fallenstellen ist er einfach genial. Er befestigt sie an heruntergebogenen jungen Bäumen, sodass Raubtiere nicht an die Beute herankommen, er tarnt feine Auslösemechanismen mit schweren Ästen und webt undurchdringliche Reusen zum Fangen von Fischen. Während ich durch den Wald gehe und jede Falle sorgfältig wieder aufstelle, weiß ich, dass mein Blick für die Balance nie an seinen heranreichen wird, an seinen Instinkt dafür, wo das Beutetier den Weg kreuzt. Das ist mehr als Erfahrung. Er ist ein Naturtalent. So wie ich noch bei fast völliger Dunkelheit auf ein Tier zielen und es mit einem einzigen Pfeil treffen kann.

Als ich wieder an dem Maschendrahtzaun bin, der Distrikt 12 umgibt, steht die Sonne schon recht hoch am Himmel. Wie immer lausche ich kurz, doch kein verräterisches Summen von elektrischem Strom ist zu hören. Eigentlich hört man es fast nie, obwohl der Zaun rund um die Uhr unter Strom stehen müsste. Ich zwänge mich durch die Lücke unter dem Zaun und komme auf der Weide heraus, nur einen Steinwurf von zu Hause entfernt. Meinem alten Zuhause. Wir dürfen es behalten, weil es offiziell für meine Mutter und meine Schwester bestimmt ist. Wenn ich jetzt tot umfallen würde, müssten sie dorthin zurückkehren. Doch zurzeit sind sie beide glücklich im neuen Haus im Dorf der Sieger untergebracht, und ich bin die Einzige, die das gedrungene Häuschen benutzt, in dem ich aufgewachsen bin. Für mich ist es mein eigentliches Zuhause.

Jetzt gehe ich dorthin, um mich umzuziehen. Tausche die alte Lederjacke meines Vaters gegen einen feinen Wollmantel, der mir an den Schultern immer zu eng vorkommt. Die weichen, ausgetretenen Jagdstiefel gegen ein Paar teurer, maschinell gefertigter Schuhe, die meine Mutter für jemanden in meiner Stellung angemessener findet. Pfeil und Bogen habe ich in einem hohlen Baumstamm im Wald verstaut. Obwohl die Zeit drängt, setze ich mich für ein paar Minuten in die Küche. Sie wirkt verlassen ohne Feuer im Herd und ohne Tischtuch. Ich trauere meinem alten Leben nach. Wir kamen kaum über die Runden, aber ich wusste, wohin ich gehörte, ich wusste, wo mein Platz in dem festen Gefüge unseres Lebens war. Ich würde gern dorthin zurückkehren, im Nachhinein kommt es mir so sicher vor im Vergleich zu jetzt, da ich so reich bin und so verhasst bei den Machthabern im Kapitol.

Ein Maunzen an der Hintertür lässt mich aufhorchen. Ich mache auf, und da steht Butterblume, Prims räudiger alter Kater. Ihm gefällt das neue Haus so wenig wie mir, und wenn meine Schwester in der Schule ist, verzieht er sich immer. Wir konnten uns nie besonders gut leiden, doch die Abneigung gegen das neue Haus verbindet uns. Ich lasse ihn herein, gebe ihm ein Stück Biberfett und kraule ihn sogar ein bisschen zwischen den Ohren. »Du bist hässlich, das weißt du, oder?«, sage ich. Butterblume stupst gegen meine Hand, er will weiter gestreichelt werden, aber wir müssen los. »Na komm.« Ich hebe ihn mit einer Hand hoch, greife mit der anderen meine Jagdtasche und nehme beide mit hinaus auf die Straße. Der Kater befreit sich mit einem Satz und verschwindet unter einem Busch.

Die Schuhe drücken an den Zehen, während ich über den Ascheweg gehe. Ich nehme die Abkürzung durch kleine Gassen und Hintergärten und bin im Nu bei Gales Haus. Seine Mutter Hazelle steht am Waschbecken in der Küche und sieht mich durchs Fenster. Sie trocknet sich die Hände an der Schürze und kommt an die Tür.

Ich kann Hazelle gut leiden. Habe Hochachtung vor ihr. Bei der Explosion, die meinen Vater das Leben kostete, starb auch ihr Mann, und sie blieb mit drei Jungen zurück und einem Baby im Bauch, das jeden Tag zur Welt kommen konnte. Keine Woche nach der Geburt zog sie schon durch die Straßen und suchte Arbeit. Der Bergbau kam nicht infrage, schließlich musste sie für das Baby sorgen, doch es gelang ihr, Arbeit als Wäscherin für einige Kaufleute aus der Stadt zu bekommen. Im Alter von vierzehn wurde Gale, ihr ältester Sohn, der Haupternährer der Familie. Er hatte sich bereits für Tesserasteine eintragen lassen, das bescherte ihnen eine bescheidene Ration an Getreide und Öl im Tausch dafür, dass sein Name mehrfach in die Lostrommel für die Ziehung der Tribute wanderte. Hinzu kam, dass er auch damals schon ein geschickter Fallensteller war. Aber das allein hätte nicht ausgereicht, um eine fünfköpfige Familie zu ernähren, und so schrubbte Hazelle sich die Finger auf dem Waschbrett wund bis auf die Knochen. Im Winter waren ihre Finger immer so rot und rissig, dass sie beim geringsten Anlass anfingen zu bluten. Das wäre immer noch so, hätte meine Mutter nicht eine spezielle Salbe dagegen entwickelt. Doch Hazelle und Gale sind entschlossen, den anderen Kindern, dem zwölfjährigen Rory, dem zehnjährigen Vick und der sechsjährigen Posy, die Tesserasteine zu ersparen.

Hazelle lächelt, als sie die Beute sieht. Sie packt den Biber am Schwanz und wiegt ihn in der Hand. »Das gibt einen schönen Eintopf.« Anders als Gale hat sie kein Problem mit unserem Jagdabkommen.

»Hat auch einen schönen Pelz«, sage ich. Es ist tröstlich, hier bei Hazelle zu sein. Über die Vorzüge der Beute zu sprechen wie eh und je. Sie schenkt mir einen Becher Kräutertee ein und ich lege dankbar meine eiskalten Hände darum. »Weißt du, als ich von der Jagd kam, dachte ich mir, ich könnte doch Rory ab und zu mal mitnehmen. Nach der Schule. Könnte ihm beibringen, wie man mit Pfeil und Bogen umgeht.«

Hazelle nickt. »Das war gut. Gale würde ja gern, aber er hat nur die Sonntage, und ich glaub, die hält er sich lieber für dich frei.«

Ich kann nichts dagegen tun, dass meine Wangen flammend rot werden. Das ist natürlich albern. Kaum jemand kennt mich besser als Hazelle. Sie weiß, wie ich mit Gale verbunden bin. Bestimmt haben viele Leute geglaubt, wir würden später einmal heiraten, auch wenn ich nie daran gedacht habe. Doch das war vor den Spielen. Bevor mein Mittribut Peeta Mellark verkündet hat, er sei unsterblich in mich verliebt. Unsere Liebesgeschichte wurde in der Arena zu unserer wichtigsten Überlebensstrategie.

Allerdings war es für Peeta nicht bloß eine Strategie. Was es für mich war, weiß ich nicht so genau. Aber dass es für Gale eine einzige Qual war, das weiß ich inzwischen. Meine Brust schnürt sich zusammen, als ich daran denke, dass Peeta und ich auf der Tour der Sieger wieder als Liebespaar auftreten müssen.

Ich stürze den Tee hinunter, obwohl er zu heiß ist, und schiebe schnell den Stuhl zurück. »Ich muss jetzt los. Muss mich für die Kameras herrichten.«

Hazelle umarmt mich. »Genieß das Essen.«

»Ganz bestimmt«, sage ich.

Als Nächstes mache ich auf dem Hob halt, wo ich früher den meisten Handel getrieben habe. Vor langer Zeit wurde im Hob Kohle gelagert, später dann wurde er zum Treffpunkt für zwielichtige Geschäfte, bis schließlich ein richtiger Schwarzmarkt entstand. Er zieht kriminelle Elemente an und deshalb gehöre ich wohl auch dorthin. Wer in den Wäldern um Distrikt 12 herum jagt, bricht mindestens ein Dutzend Gesetze und riskiert die Todesstrafe.

Auch wenn sie es nie erwähnen, verdanke ich den Leuten vom Schwarzmarkt eine Menge. Gale hat mir erzählt, dass Greasy Sae, die alte Frau, die Suppe verkauft, während der Spiele eine Sammlung für Peeta und mich ins Leben gerufen hat. Sie sollte eigentlich auf den Schwarzmarkt beschränkt sein, doch viele Leute hörten davon und steuerten etwas bei. Ich weiß nicht genau, wie viel es war, und die Preise für die Sponsorengeschenke in der Arena waren unglaublich hoch. Doch soweit ich weiß, hat es mir das Leben gerettet.

Es ist immer noch merkwürdig, den Eingang mit einer leeren Jagdtasche zu betreten, ohne etwas zum Tauschen, und stattdessen den schweren Geldbeutel an der Hüfte zu spüren. Ich versuche, so viele Stände wie möglich zu besuchen und meine Einkäufe gleichmäßig zu verteilen: Kaffee, Brötchen, Eier, Garn und Öl. Schließlich kommt mir noch die Idee, drei Flaschen klaren Schnaps bei einer einarmigen Frau namens Ripper zu kaufen. Sie war Opfer eines Bergwerksunfalls und clever genug, sich trotzdem durchzuschlagen.

Der Schnaps ist nicht für meine Familie bestimmt, sondern für Haymitch, der bei den Spielen Peetas und mein Mentor war. Haymitch ist mürrisch, grob und meistens betrunken. Aber er hat ganze Arbeit geleistet - mehr als das, denn zum ersten Mal in der Geschichte der Spiele durften zwei Tribute gewinnen. Also ganz gleich, wie Haymitch ist, ich habe auch ihm viel zu verdanken. Und zwar für den Rest meines Lebens. Ich besorge den Schnaps, weil er vor ein paar Wochen mal keinen mehr hatte und es auch keinen zu kaufen gab, woraufhin er Entzugserscheinungen bekam. Er zitterte und schrie irgendwelche schrecklichen Erscheinungen an, die nur er sehen konnte. Prim erschrak zu Tode, und mir machte es, ehrlich gesagt, auch keinen Spaß, ihn so zu sehen. Seitdem horte ich das Zeug sozusagen, für den Fall, dass es mal wieder einen Engpass geben sollte.

Cray, der Oberste Friedenswächter, runzelt die Stirn, als er mich mit den Flaschen sieht. Er ist ein älterer Mann mit ein paar silbernen Haarsträhnen, die er schräg über den knallroten Kopf gekämmt hat. »Das Zeug ist zu stark für dich, Mädchen.« Er muss es ja wissen. Abgesehen von Haymitch trinkt Cray mehr als alle, die ich kenne.

»Ach, meine Mutter braucht es für ihre Medizin«, sage ich leichthin.

»Tja, damit kann man alles abtöten«, sagt er und knallt eine Münze für eine Flasche auf den Tresen.

Als ich zu Greasy Saes Stand komme, hieve ich mich auf den Tresen und bestelle etwas Suppe, die nach einer Mischung aus Flaschenkürbis und Bohnen aussieht. Während ich esse, kommt ein Friedenswächter namens Darius und bestellt auch eine Portion. Von den Gesetzeshütern ist er mir noch der liebste. Er ist nicht so ein Wichtigtuer und meistens zu einem Spaß aufgelegt. Er dürfte in den Zwanzigern sein, sieht jedoch kaum älter aus als ich. Irgendetwas an seinem Lächeln und seinen roten Haaren, die in alle Richtungen abstehen, lässt ihn jungenhaft wirken.

»Müsstest du nicht schon im Zug sitzen?«, fragt er.

»Ich werde um zwölf abgeholt«, sage ich.

»Müsstest du nicht besser aussehen?«, fragt er flüsternd, aber so, dass es jeder hören kann. Obwohl ich nicht in der Stimmung bin, muss ich über seine Neckerei lächeln. »Vielleicht eine Schleife im Haar oder so?« Er zieht kurz an meinem Zopf und ich schiebe seine Hand weg.

»Keine Sorge. Wenn sie mit mir fertig sind, wirst du mich nicht wiedererkennen«, sage ich.

»Gut«, sagt er. »Zeig zur Abwechslung mal ein bisschen Stolz auf deinen Distrikt, Miss Everdeen. Hm?« Er schaut Greasy Sae im Spaß missbilligend an und schüttelt den Kopf, dann geht er zu seinen Freunden.

»Die Suppenschale krieg ich aber wieder!«, ruft Greasy Sae ihm nach, aber sie lacht dabei, deshalb klingt es nicht besonders streng. »Kommt Gale dich verabschieden?«, fragt sie mich.

»Nein, er stand nicht auf der Liste«, sage ich. »Aber ich hab ihn Sonntag gesehen.«

»Ach, ich hätte gedacht, dass er auf der Liste steht. Wo er doch dein Cousin ist«, sagt sie ironisch.

Das ist ein weiterer Teil der Lügengeschichte, die sie sich im Kapitol ausgedacht haben. Als Peeta und ich bei den Hungerspielen unter die letzten acht kamen, wurden Reporter losgeschickt, die persönliche Geschichten über uns bringen sollten. Als sie nach meinen Freunden fragten, haben alle auf Gale verwiesen. Aber das konnten sie nicht schreiben, denn in der Arena spielte ich ja die Liebesgeschichte, und da konnte ich nicht Gale als besten Freund haben. Er sah zu gut aus, zu männlich, und er war kein bisschen bereit, für die Kameras zu lächeln und den netten Jungen von nebenan zu spielen. Und wir sehen uns tatsächlich ganz schön ähnlich. Wir haben das typische Aussehen des Saums. Dunkle glatte Haare, olivfarbene Haut. Also hat irgendein Schlaukopf ihn zu meinem Cousin ernannt. Ich wusste nichts davon, bis wir wieder zu Hause waren, auf dem Bahnsteig, und meine Mutter sagte: »Deine Cousins können es kaum erwarten, dich wiederzusehen!« Da drehte ich mich um und sah Gale und Hazelle und die Kinder - was blieb mir anderes übrig, als mitzuspielen?

Greasy Sae weiß, dass wir nicht verwandt sind, aber selbst manche Leute, die uns schon jahrelang kennen, scheinen es vergessen zu haben.

»Ich kann es kaum erwarten, es hinter mir zu haben«, flüstere ich.

»Ich weiß«, sagt Greasy Sae. »Aber du musst da durch, um es hinter dir zu haben. Also sieh zu, dass du nicht zu spät kommst.«

Als ich mich auf den Weg zum Dorf der Sieger mache, fängt es ein wenig an zu schneien. Das Dorf liegt nur einen knappen Kilometer von dem Platz im Stadtzentrum entfernt, aber es scheint wie eine völlig andere Welt.

Es ist eine eigene kleine Gemeinde, die um eine schöne Grünfläche herum errichtet wurde, dazwischen blühende Sträucher. Zwölf Häuser, jeweils so groß, dass zehn von der Sorte hineinpassen würden, in der ich aufgewachsen bin. Neun davon stehen leer, wie immer schon. Die drei, die bewohnt sind, gehören Haymitch, Peeta und mir.

Die Häuser, in denen meine Familie und Peeta leben, haben eine warme, lebendige Ausstrahlung. Licht hinter den Fenstern, Rauch aus dem Schornstein, leuchtende Maisbüschel, mit denen der Eingang zum bevorstehenden Erntefest geschmückt ist. Haymitchs Haus dagegen wirkt, obwohl der Hausmeister sich um alles kümmert, trostlos und verwahrlost. Vor der Haustür mache ich mich auf den Dreck gefasst, der mich drinnen erwartet.

Unwillkürlich rümpfe ich die Nase. Haymitch weigert sich, jemanden zum Saubermachen hineinzulassen, und er selbst putzt nicht gerade gründlich. Im Lauf der Jahre haben sich die Gerüche von Schnaps und Erbrochenem, gekochtem Kohl und angebranntem Fleisch, ungewaschenen Kleidern und Mäusedreck zu einem Gestank vermischt, der mir die Tränen in die Augen treibt. Ich bahne mir einen Weg durch weggeworfene Verpackungen, Glasscherben und Knochen bis zu der Stelle, wo Haymitch normalerweise zu finden ist. Er sitzt am Küchentisch, die Arme über die Holzplatte ausgebreitet, das Gesicht in einer Schnapspfütze, und schnarcht, was das Zeug hält.

Ich rüttele ihn an der Schulter. »Aufstehen!«, sage ich laut, denn inzwischen weiß ich, dass man ihn auf die sanfte Tour nicht wach bekommt. Für einen Moment setzt sein Schnarchen aus, wie ein kurzes Zögern, dann geht es wieder los. Ich rüttele ihn fester. »Aufstehen, Haymitch! Heute beginnt die Tour der Sieger!« Mit Gewalt öffne ich das Fenster und sauge die frische Luft tief ein. Dann stapfe ich durch den Müll auf dem Boden, fördere eine Kaffeekanne aus Blech zutage und fülle sie am Waschbecken mit Wasser. Der Ofen ist noch nicht ganz aus, und ich schaffe es, den wenigen glühenden Kohlen eine Flamme zu entlocken. Ich schütte Kaffeepulver in die Kanne, so viel, dass es auf jeden Fall ein gutes, starkes Gebräu ergibt, und stelle sie zum Kochen auf den Ofen.

Haymitch ist immer noch weggetreten. Da alles andere nichts genützt hat, fülle ich eine Schale mit eiskaltem Wasser, kippe sie ihm über den Kopf und bringe mich in Sicherheit. Er stößt einen kehligen, animalischen Laut aus. Er springt auf, wobei der Stuhl drei Meter nach hinten fliegt, und schwingt ein Messer. Ich hatte vergessen, dass er immer mit dem Messer in der Hand schläft. Ich hätte es ihm aus der Hand nehmen sollen, aber ich hatte zu vieles zu bedenken. Er flucht wie ein Kesselflicker und schlägt mehrmals um sich, ehe er zu sich kommt. Mit dem Hemdsärmel wischt er sich über das Gesicht und dreht sich dann zu mir um. Ich hocke auf dem Fenstersims, für den Fall, dass ich schnell Reißaus nehmen muss.

»Was soll das?«, fährt er mich an.

»Du hast gesagt, ich soll dich wecken, eine Stunde bevor die Kameras kommen«, erkläre ich. »Was?«, sagt er. »Es war deine Idee«, sage ich.

Jetzt scheint er sich zu erinnern. »Wieso bin ich klatschnass?«

»Ich hab dich nicht wach gekriegt«, sage ich. »Hey, wenn du verhätschelt werden willst, musst du Peeta fragen.«

»Was soll er mich fragen?« Beim bloßen Klang seiner Stimme bekomme ich im Bauch einen Knoten aus lauter unangenehmen Gefühlen: schlechtes Gewissen, Trauer, Angst. Und Sehnsucht. Ich kann ruhig zugeben, dass die auch hineinspielt. Aber gegen die anderen Gefühle hat sie keine Chance.

Ich schaue Peeta an, während er zum Tisch kommt. Die Sonnenstrahlen fangen sich im glitzernden Schnee in seinem blonden Haar. Er sieht stark und gesund aus, so ganz anders als der kranke, halb verhungerte Junge, den ich aus der Arena kenne, und sein Hinken fällt kaum noch auf. Er legt ein frisch gebackenes Brot auf den Tisch und hält Haymitch die Hand hin.

»Ob du mich wecken kannst, ohne dass ich mir eine Lungenentzündung hole«, sagt Haymitch und gibt Peeta das Messer. Er zieht sein dreckiges Hemd aus, sodass ein nicht minder dreckiges Unterhemd zum Vorschein kommt, und reibt sich mit einem trockenen Zipfel ab.

Peeta lächelt und spült Haymitchs Messer mit klarem Schnaps aus einer Flasche ab, die auf dem Boden steht. Er wischt das Messer am Hemd sauber und schneidet das Brot in Scheiben. Peeta versorgt uns alle mit frischen Backwaren. Ich jage. Er backt. Haymitch trinkt. Jeder von uns beschäftigt sich auf seine Weise, um die Gedanken an unsere gemeinsame Zeit als Mitstreiter in den Hungerspielen fernzuhalten. Erst als er Haymitch die Brotkante gereicht hat, sieht Peeta mich zum ersten Mal an. »Möchtest du auch ein Stück?«

»Nein, ich hab auf dem Hob gegessen«, sage ich. »Aber vielen Dank.« Meine Stimme klingt fremd, so förmlich. Wie immer, wenn ich mit Peeta spreche, seit die Kameras unsere glückliche Heimkehr gefilmt haben und wir in unser richtiges Leben zurückgekehrt sind.

»Keine Ursache«, erwidert er steif.

Haymitch wirft sein Hemd mitten in das Durcheinander. »Brrr! Ihr beide müsst euch aber noch ordentlich aufwärmen, bevor die Show losgeht.«

Da hat er natürlich recht. Das Publikum erwartet die beiden Turteltäubchen, die die Hungerspiele gewonnen haben. Nicht zwei Menschen, die einander kaum in die Augen sehen können. Aber ich sage nur: »Geh dich mal waschen, Haymitch.« Dann schwinge ich mich zum Fenster hinaus, springe nach unten und gehe über die Wiese nach Hause.

Der Schnee bleibt jetzt liegen und meine Füße hinterlassen eine Spur. Vor der Haustür befreie ich meine Schuhe von dem nassen Zeug. Meine Mutter hat Tag und Nacht geschuftet, damit alles schön ist für die Kameras, da will ich ihren glänzenden Fußboden nicht gleich wieder dreckig machen. Ich bin kaum im Haus, da kommt sie schon auf mich zu und fasst mich am Arm, als wollte sie mich aufhalten.

»Keine Sorge, ich ziehe sie hier aus«, sage ich und lasse die Schuhe auf der Fußmatte stehen.

Meine Mutter lacht ein eigenartiges, heiseres Lachen und nimmt mir die prall gefüllte Jagdtasche von der Schulter. »Es ist ja nur Schnee. Hast du einen schönen Spaziergang gemacht?«

»Spaziergang?« Sie weiß, dass ich die halbe Nacht im Wald verbracht habe. Da sehe ich den Mann, der hinter ihr in der Küchentür steht. Ein einziger Blick auf seinen maßgeschneiderten Anzug und sein chirurgisch perfektioniertes Gesicht verrät mir, dass er aus dem Kapitol kommt. Irgendetwas stimmt nicht. »Das war eher ein Schlittern. Es wird jetzt richtig glatt draußen.«

»Du hast Besuch«, sagt meine Mutter. Ihr Gesicht ist zu blass, und in ihrer Stimme höre ich die Angst, die sie zu verbergen sucht.

»Ich dachte, wir erwarten sie erst gegen Mittag.« Ich tue so, als ob ich nichts bemerke. »Ist Cinna schon da, um mir beim Umziehen zu helfen?«

»Nein, Katniss, es ist …«, setzt meine Mutter an.

»Bitte hier entlang, Miss Everdeen«, sagt der Mann. Er zeigt in Richtung Flur. Es ist merkwürdig, durch das eigene Haus geleitet zu werden, aber ich hüte mich, etwas dazu zu sagen.

Im Gehen lächele ich meine Mutter über die Schulter hinweg zuversichtlich an. »Bestimmt noch ein paar Anweisungen für die Tour der Sieger.« Sie haben mir schon alle möglichen Informationen über die Reiseroute und die Etikette in den unterschiedlichen Distrikten zukommen lassen. Doch als ich auf die Tür zum Arbeitszimmer zugehe, eine Tür, die ich bis zu diesem Moment noch nie geschlossen gesehen habe, fangen meine Gedanken an zu rasen. Wer ist da drin? Was wollen sie von mir? Warum ist meine Mutter so blass?

»Gehen Sie nur hinein«, sagt der Mann vom Kapitol, der mir durch den Flur gefolgt ist.

Ich drehe den Messingknauf herum und trete ein. Meine Nase nimmt Rosen wahr und gleichzeitig Blut. Ein kleiner weißhaariger Mann, der mir irgendwie bekannt vorkommt, steht mit dem Rücken zu mir und liest in einem Buch. Er hebt einen Finger, als wollte er sagen: Einen Moment noch. Dann dreht er sich um und mein Herz setzt einen Schlag aus.

Ich schaue in die Schlangenaugen von Präsident Snow.

2

Für mich gehört Präsident Snow vor Marmorsäulen und riesige Flaggen. Es ist verstörend, ihn hier im Zimmer inmitten alltäglicher Dinge zu sehen. Als würde man den Deckel von einem Topf nehmen und darin statt Suppe eine Viper mit aufgerissenem Maul vorfinden.

Was kann er hier wollen? Meine Gedanken rasen zurück zu den Eröffnungstagen vergangener Siegertouren. Ich erinnere mich daran, die siegreichen Tribute zusammen mit ihren Mentoren und Stylisten gesehen zu haben. Auch einige hohe Repräsentanten der Regierung tauchten gelegentlich auf. Doch Präsident Snow habe ich noch nie gesehen. Er ist bei Feierlichkeiten im Kapitol anwesend. Und das war’s.

Wenn er die ganze Reise von seiner Stadt hierher gemacht hat, kann das nur eins bedeuten. Ich stecke in ernsten Schwierigkeiten. Und mit mir auch meine Familie. Es schaudert mich bei dem Gedanken, wie nah meine Mutter und meine Schwester diesem Mann sind, der mich verabscheut. Der mich immer verabscheuen wird. Denn ich habe ihn bei seinen sadistischen Hungerspielen ausgetrickst, habe das Kapitol lächerlich gemacht und damit seine Macht untergraben.

Dabei habe ich nichts getan, als Peeta und mir selbst das Leben zu retten. Dass das gleichzeitig ein rebellischer Akt war, war reiner Zufall. Doch wenn das Kapitol verfügt, dass nur ein Tribut gewinnen kann, und jemand so dreist ist, diese Regel infrage zu stellen, ist das wohl an sich schon eine Rebellion. Ich konnte mich nur verteidigen, indem ich so tat, als hätte meine leidenschaftliche Liebe zu Peeta mir den Verstand geraubt. Deshalb durften wir beide überleben. Und zu Siegern gekürt werden. Durften nach Hause zurückkehren und feiern und in die Kameras winken und wurden in Ruhe gelassen. Bis jetzt.

Vielleicht ist es das neue Haus oder der Schreck, ihn zu sehen, oder dass wir beide wissen, er könnte mich von jetzt auf gleich töten lassen; jedenfalls komme ich mir so vor, als wäre ich der Eindringling. Als wäre das hier sein Zuhause und ich der ungebetene Gast. Deshalb begrüße ich ihn auch nicht und biete ihm keinen Platz an. Ich sage kein Wort. Im Grunde behandele ich ihn so, als wäre er wirklich eine Schlange, eine Giftschlange. Reglos stehe ich da, den Blick auf ihn geheftet, und schmiede Fluchtpläne.

»Ich glaube, wir können die ganze Situation sehr vereinfachen, wenn wir uns darauf einigen, einander nicht zu belügen«, sagt er. »Was denkst du?«

Ich denke, dass meine Zunge festgefroren ist und dass ich unmöglich sprechen kann, aber ich überrasche mich selbst und antworte mit fester Stimme: »Ja, ich glaube, damit würden wir Zeit sparen.«

Präsident Snow lächelt und zum ersten Mal fallen mir seine Lippen auf. Ich hatte Schlangenlippen erwartet, also gar keine. Aber seine Lippen sind außergewöhnlich voll, die Haut spannt. Ich frage mich, ob er sich den Mund hat operieren lassen, damit er attraktiver aussieht. Wenn ja, war es Zeit-Verschwendung, denn er ist nicht die Spur attraktiv. »Meine Berater hatten Sorge, du könntest Schwierigkeiten machen, aber du hast nicht vor, Schwierigkeiten zu machen, oder?«, fragt er.

»Nein«, sage ich.

»Das habe ich ihnen auch gesagt. Ich habe gesagt, ein Mädchen, das so viel auf sich nimmt, um sein Leben zu retten, wird kein Interesse daran haben, es leichtfertig wegzuwerfen. Und sie wird auch an ihre Familie denken. An die Mutter, die Schwester und all die … Cousins.« An der Art, wie er das Wort »Cousins« dehnt, merke ich, er weiß, dass Gale und ich nicht richtig verwandt sind.

Jetzt liegen die Tatsachen also auf dem Tisch. Vielleicht ist es besser so. Mit unbestimmten Drohungen komme ich nicht gut zurecht. Ich will lieber wissen, woran ich bin.

»Setzen wir uns doch.« Präsident Snow setzt sich an den großen Schreibtisch aus glänzendem Holz, an dem Prim ihre Hausaufgaben macht und meine Mutter die Haushaltsplanung. Ebenso wie er nicht einfach in unser Haus kommen dürfte, hat er auch kein Recht, diesen Platz einzunehmen. Und doch hat er jedes Recht. Ich setze mich vor den Tisch auf einen der geschnitzten Stühle mit hoher Lehne. Er ist für jemand Größeren als mich gemacht, ich berühre den Boden nur mit den Zehen.

»Ich habe ein Problem, Katniss«, sagt Präsident Snow. »Ein Problem, das in dem Moment auftauchte, als du in der Arena die giftigen Beeren hervorgeholt hast.«

Er meint den Moment, in dem ich mir dachte, dass die Spielmacher, vor die Wahl gestellt, Peeta und mir beim Selbstmord zuzusehen - womit es keinen Sieger gegeben hätte - oder uns beide am Leben zu lassen, sich für die zweite Möglichkeit entscheiden würden.

»Wenn Seneca Crane, der Oberste Spielmacher, ein wenig Grips gehabt hätte, hätte er dich auf der Stelle in die Luft gejagt. Doch er hatte leider eine sentimentale Ader. Deshalb bist du hier. Kannst du dir denken, wo er ist?«, fragt er.

Ich nicke, denn so, wie er es sagt, ist klar, dass Seneca Crane hingerichtet wurde. Jetzt, da nur der Schreibtisch uns trennt, ist der Geruch von Rosen und Blut noch stärker. Präsident Snow trägt eine Rose am Revers, die immerhin auf die Quelle des Blumendufts hinweist, allerdings muss sie genmanipuliert sein, denn keine echte Rose riecht so. Aber was das Blut angeht … keine Ahnung.

»Danach konnten wir nichts tun, als dich dein kleines Theater zu Ende spielen zu lassen. Und du hast dich wirklich recht gut gemacht als liebestolles Schulmädchen. Die Leute im Kapitol waren ziemlich überzeugt. Leider sind in den Distrikten nicht alle auf dein Schauspiel hereingefallen«, sagt er.

Für einen kurzen Moment muss sich die Verwirrung in meinem Gesicht gespiegelt haben, denn er geht darauf ein.

»Das kannst du natürlich nicht wissen. Du hast keinen Zugang zu Informationen über die Stimmung in anderen Distrikten. Doch in einigen wurde dein kleiner Beerentrick als Herausforderung gedeutet, nicht als Akt der Liebe. Und wenn ausgerechnet ein Mädchen aus Distrikt 12 das Kapitol herausfordern kann und so einfach davonkommt, was sollte andere dann davon abhalten, dasselbe zu tun?«, sagt er. »Was sollte zum Beispiel einen Aufstand verhindern?«

Es dauert einen Augenblick, bis ich den letzten Satz begreife.

»Es hat Aufstände gegeben?«, frage ich. Die Vorstellung erschreckt mich, gleichzeitig spüre ich so etwas wie freudige Erregung.

»Noch nicht. Aber wenn es so weitergeht, wird es dazu kommen. Und Aufstände führen, wie man weiß, zur Revolution.« Präsident Snow reibt eine Stelle über der linken Augenbraue, genau dort, wo ich auch immer Kopfschmerzen bekomme. »Kannst du ermessen, was das bedeuten würde? Wie viele Menschen sterben würden? Das Elend der Überlebenden? Was für Probleme man mit dem Kapitol auch haben mag - wenn es in seiner Strenge nur kurz nachlassen würde, dann würde das gesamte System zusammenbrechen, das kannst du mir glauben.«

Ich bin verblüfft, wie offen und aufrichtig das klingt. Als hätte er vor allem das Wohlergehen der Bürger von Panem im Auge, während ihm doch nichts ferner liegt. Ich weiß nicht, woher ich den Mut nehme, die folgenden Worte zu sagen, aber ich tue es. »Das System muss sehr wacklig sein, wenn eine Handvoll Beeren es zum Einsturz bringen kann.«

Lange Zeit ist es still und er sieht mich nur an. Dann sagt er: »Es ist wacklig, aber nicht so, wie du denkst.«

Es klopft an der Tür und der Mann vom Kapitol streckt den Kopf herein. »Die Mutter lässt fragen, ob Sie Tee möchten.«

»Oh ja. Ich hätte gern einen Tee«, sagt der Präsident. Die Tür geht weiter auf, und da steht meine Mutter, sie bringt ein Tablett mit einem Teeservice aus Porzellan, das sie bei ihrer Heirat mit in den Saum genommen hat. »Stellen Sie es bitte hierhin.« Er legt sein Buch auf die Ecke des Tisches und klopft auf die Tischmitte.

Meine Mutter setzt das Tablett ab. Darauf stehen eine Teekanne und Tassen, Sahne und Zucker und ein Teller mit Keksen. Sie sind wunderhübsch verziert mit pastellfarbenen Zuckerblumen. Das kann nur Peetas Werk sein.

»Was für ein willkommener Anblick! Wissen Sie, es ist merkwürdig, wie oft vergessen wird, dass auch Präsidenten essen müssen«, sagt Präsident Snow liebenswürdig. Immerhin wirkt meine Mutter nach seinen Worten nicht mehr ganz so nervös.

»Darf ich Ihnen sonst noch etwas bringen? Ich kann etwas Sättigenderes kochen, wenn Sie hungrig sind«, bietet sie an.

»Nein, besser als dies hier könnte es gar nicht sein. Vielen Dank«, sagt er, eine deutliche Aufforderung, uns wieder allein zu lassen. Meine Mutter nickt, wirft mir einen Blick zu und geht. Präsident Snow schenkt uns beiden Tee ein, nimmt sich Sahne und Zucker und rührt dann lange in seiner Tasse. Ich spüre, dass er gesagt hat, was er zu sagen hatte, und auf meine Antwort wartet.

»Ich wollte keine Aufstände verursachen«, sage ich.

»Das glaube ich dir. Es spielt keine Rolle. Dein Stylist hat sich hinsichtlich der Wahl deines Kostüms als Prophet erwiesen. Katniss Everdeen, das Mädchen, das in Flammen stand - von dir ist ein Funke ausgegangen, der sich, wenn wir uns nicht darum kümmern, zu einem Inferno auswachsen könnte, das Panem zerstört«, sagt er.

»Warum bringen Sie mich jetzt nicht einfach um?«, platze ich heraus.

»Öffentlich?«, fragt er. »Das hieße nur Öl ins Feuer gießen.«

»Dann lassen Sie es wie einen Unfall aussehen«, sage ich.

»Wer sollte das glauben?«, fragt er. »Du bestimmt nicht, wenn du Zuschauer wärst.«

»Dann sagen Sie mir, was ich tun soll. Ich werde es tun«, sage ich.

»Wenn es nur so einfach wäre.« Er nimmt einen Blumenkeks und betrachtet ihn. »Wie hübsch. Hat deine Mutter die selbst gebacken?«

»Peeta.« Und zum ersten Mal merke ich, dass ich seinem Blick nicht standhalten kann. Ich nehme die Tasse, stelle sie jedoch zurück, als ich merke, wie sie an die Untertasse klirrt. Um es zu überspielen, nehme ich schnell einen Keks.

»Peeta. Wie ist sie denn, die Liebe deines Lebens?«, fragt er.

»Gut«, sage ich.

»Wann genau hat er gemerkt, wie gleichgültig er dir wirklich ist?«, fragt er und tunkt seinen Keks in den Tee.

»Er ist mir nicht gleichgültig«, sage ich.

»Aber vielleicht bist du nicht ganz so hingerissen von dem jungen Mann, wie du das Land glauben machen wolltest«, erklärt er.

»Wer sagt das?«, frage ich.

»Ich«, sagt der Präsident. »Und wenn ich der Einzige wäre, der seine Zweifel hat, wäre ich nicht hier. Wie geht es dem feschen Cousin?«

»Ich weiß nicht … ich …« Mein Widerwillen gegen dieses Gespräch, dagegen, dass ich mit Präsident Snow über meine Gefühle für zwei der Menschen spreche, die mir am meisten bedeuten, lässt meine Stimme ersterben.

»Sprich nur, Katniss. Ihn kann ich leicht umbringen, wenn wir keine glückliche Lösung finden. Du tust ihm keinen Gefallen damit, dass du jeden Sonntag mit ihm in den Wald verschwindest.«

Wenn er das weiß, was weiß er dann noch alles? Und woher weiß er es? Viele Leute könnten ihm erzählt haben, dass Gale und ich sonntags zusammen auf die Jagd gehen. Kreuzen wir nicht am Ende jedes Sonntags schwer bepackt mit Wild auf? Ist das nicht schon seit Jahren so? Die eigentliche Frage ist, was seiner Meinung nach in den Wäldern hinter Distrikt 12 passiert. Bestimmt haben sie uns dort nicht aufgespürt. Oder doch? Kann uns jemand gefolgt sein? Das erscheint mir unmöglich. Jedenfalls kein Mensch. Kameras? Bis zu diesem Augenblick ist mir das nie in den Sinn gekommen. Der Wald war für uns immer ein sicherer Ort - der Ort, wo uns das Kapitol nicht erreichen konnte, wo wir bedenkenlos sagen konnten, was wir fühlten, so sein konnten, wie wir waren. So war es jedenfalls vor den Spielen. Wenn sie uns seitdem beobachtet haben, was haben sie gesehen? Zwei Menschen auf der Jagd, die ketzerische Bemerkungen über das Kapitol machen, das schon. Aber nicht zwei Verliebte, wie Präsident Snow anzudeuten scheint. Was das angeht, sind wir auf der sicheren Seite. Es sei denn … es sei denn …

Es ist nur ein Mal passiert. Es kam schnell und überraschend, aber es ist doch passiert.

Nachdem Peeta und ich von den Spielen zurückkamen, vergingen mehrere Wochen, bis ich Gale wieder allein traf. Erst waren da die obligatorischen Feierlichkeiten. Ein Festessen für die Sieger, zu dem nur die ranghöchsten Leute eingeladen waren. Ein Feiertag für den gesamten Distrikt mit Gratisessen und Entertainern aus dem Kapitol. Der Pakettag, der erste von zwölf, an dem jeder im Distrikt ein Essenspaket bekam. Das war das Schönste für mich. Zu sehen, wie all die hungrigen Kinder im Saum herumliefen und Gläser mit Apfelmus schwenkten, Dosen mit Fleisch, sogar Süßigkeiten. Zu Hause warteten noch Getreidesäcke und Ölkannen, die waren zu schwer zu tragen. Zu wissen, dass sie ein Jahr lang jeden Monat so ein Paket bekommen würden. Das war einer der wenigen Momente, in denen ich es richtig gut fand, dass ich die Spiele gewonnen hatte.

In dieser Zeit der Feierlichkeiten, als die Reporter jeden meiner Schritte festhielten, während ich im Mittelpunkt stand und allen dankte und Peeta für das Publikum küsste, da hatte ich keinen Augenblick für mich. Nach ein paar Wochen hatte sich die Lage endlich beruhigt. Die Kamerateams und Reporter packten ihre Sachen und reisten wieder ab. Das Verhältnis zwischen Peeta und mir wurde so kühl, wie es seither ist. Ich zog mit meiner Familie in unser Haus im Dorf der Sieger. Der Alltag in Distrikt 12 - Arbeiter in die Bergwerke, Kinder in die Schule - ging wieder seinen gewohnten Gang. Ich wartete, bis ich dachte, dass die Luft jetzt wirklich rein war, und eines Sonntags stand ich, ohne irgendjemandem ein Wort zu sagen, mehrere Stunden vor Sonnenaufgang auf und zog los in den Wald.

Es war immer noch warm genug, um ohne Jacke zu gehen. Ich nahm eine Tasche mit besonderem Essen mit, kaltes Hühnchen und Käse und Brot vom Bäcker und Orangen. In unserem alten Haus zog ich mir die Jagdstiefel an. Wie üblich stand der Zaun nicht unter Strom, sodass es ein Leichtes war, in den Wald zu schlüpfen und Pfeile und Bogen zu schnappen. Ich ging zu Gales und meinem Ort, dort, wo wir am Morgen der Ernte, bei der ich für die Spiele ausgelost worden war, unser Frühstück geteilt hatten.

Ich wartete mindestens zwei Stunden und dachte schon, dass er mich in den Wochen, die vergangen waren, aufgegeben hätte. Oder dass ich ihm nichts mehr bedeutete. Dass er mich sogar hasste. Und die Vorstellung, ihn für immer verloren zu haben, meinen besten Freund, den Einzigen, dem ich je meine Geheimnisse anvertraut hatte, tat so weh, dass ich es nicht ertragen konnte. Nicht nach all dem, was passiert war. Ich spürte, wie meine Augen sich mit Tränen füllten und meine Kehle eng wurde, wie immer, wenn ich kurz davor bin, zu weinen.

In dem Moment schaute ich auf, und da stand er, drei Meter entfernt, und sah mich nur an. Ohne darüber nachzudenken, sprang ich auf, schlang die Arme um ihn und stieß einen merkwürdigen Laut aus, in dem sich Lachen, Atemlosigkeit und Weinen mischten. Er hielt mich so fest, dass ich sein Gesicht nicht sehen konnte, aber es dauerte wirklich lange, bis er mich losließ, und auch da nur, weil ihm kaum etwas anderes übrig blieb, denn ich hatte einen wahnsinnig lauten Schluckauf bekommen und musste unbedingt etwas trinken.

Wir machten an dem Tag dasselbe wie früher auch immer. Zusammen frühstücken. Jagen und fischen und sammeln. Über die Leute in der Stadt reden. Aber nicht über uns, sein neues Leben im Bergwerk, meine Zeit in der Arena. Nur über andere Dinge. Als wir schließlich an der Lücke im Zaun ankamen, die dem Hob am nächsten ist, glaubte ich wohl wirklich daran, dass es wieder so sein könnte wie früher. Dass wir so weitermachen könnten wie bisher. Ich hatte Gale das ganze Wild zum Handeln gegeben, weil wir zu Hause jetzt so viel zu essen hatten. Ich sagte, ich würde nicht mit zum Hob kommen, obwohl ich sehr gern gegangen wäre, aber meine Mutter und meine Schwester wüssten nicht einmal, dass ich auf der Jagd sei, und fragten sich bestimmt schon, wo ich steckte. Und gerade als ich vorschlug, dass ich die tägliche Runde an den Fallen entlang übernehmen könnte, nahm er mein Gesicht in die Hände und küsste mich.

Es traf mich völlig unvorbereitet. Man hätte meinen können, dass ich nach den vielen Stunden, die ich mit Gale verbracht hatte - da ich ihn erzählen und lachen und finster blicken gesehen hatte -, über seine Lippen genau Bescheid gewusst hätte. Aber ich hätte nicht gedacht, dass sie sich so warm auf meinen anfühlen würden. Oder dass diese Hände, die so komplizierte Fallen stellen konnten, ebenso gut mich einfangen könnten. Ich glaube, ich stieß einen kehligen Laut aus, und ich erinnere mich dunkel an meine Hände, fest zusammengeballt, die auf seiner Brust lagen. Dann ließ er mich los und sagte: »Ich musste das tun. Wenigstens ein Mal.« Und dann war er weg.

Obwohl die Sonne schon unterging und meine Familie sich bestimmt Sorgen machte, setzte ich mich an einen Baum neben dem Zaun. Ich überlegte, wie es mir mit dem Kuss ging, ob er mir gefallen hatte oder ob ich mich darüber ärgerte, aber ich erinnerte mich nur an das Gefühl von Gales Lippen auf meinen und den Duft von Orangen, der immer noch an seiner Haut haftete. Es hatte keinen Sinn, diesen Kuss mit den vielen Küssen zu vergleichen, die ich mit Peeta getauscht hatte. Ich war mir immer noch nicht darüber im Klaren, ob auch nur einer davon zählte. Schließlich ging ich nach Hause.

In dieser Woche kümmerte ich mich um die Fallen und brachte das Fleisch zu Hazelle. Doch Gale sah ich erst am folgenden Sonntag wieder. Ich hatte eine komplette Rede im Kopf, dass ich keinen Freund wollte und niemals heiraten würde, aber ich brauchte sie gar nicht. Gale tat so, als hätte es den Kuss nie gegeben. Vielleicht wartete er darauf, dass ich etwas sagte. Oder dass ich ihn auch küsste. Stattdessen tat ich ebenfalls so, als hätte es den Kuss nie gegeben. Aber es hatte ihn gegeben. Gale hatte eine unsichtbare Schranke zwischen uns zerstört und mit ihr meine Hoffnung, wir könnten zu unserer alten, unkomplizierten Freundschaft zurückkehren. Wenn ich auch so tat, als ob, ich konnte seine Lippen nie mehr so ansehen wie früher.

All das geht mir blitzschnell durch den Kopf, während Präsident Snow mich mit seinem Blick durchbohrt, nachdem er gedroht hat, Gale zu töten. Wie dumm von mir, zu denken, das Kapitol würde mich nicht mehr beachten, wenn ich erst einmal zu Hause wäre! Ich hatte zwar keine Ahnung von möglichen Aufständen. Aber ich wusste, dass sie im Kapitol wütend auf mich waren. Anstatt die gebührende Vorsicht walten zu lassen, was tat ich da? Aus der Sicht des Präsidenten habe ich Peeta ignoriert und vor dem ganzen Distrikt demonstriert, dass ich Gale vorziehe. Und damit kundgetan, dass ich das Kapitol wirklich verspottet habe. Mit meinem unbedachten Verhalten habe ich Gale und seine Familie, meine Familie und auch Peeta in Gefahr gebracht.

»Bitte tun Sie Gale nichts«, flüstere ich. »Er ist nur ein Freund. Wir sind schon seit Jahren befreundet. Mehr ist nicht zwischen uns. Außerdem halten uns jetzt sowieso alle für Cousin und Cousine.«

»Mich interessiert nur, wie das dein Verhältnis zu Peeta beeinflusst und damit die Stimmung in den Distrikten«, sagt er.

»Bei der Tour der Sieger wird es so sein wie immer. Ich werde genauso in ihn verliebt sein wie vorher«, sage ich. »Wie jetzt«, verbessert Präsident Snow mich. »Wie jetzt«, bestätige ich.

»Aber wenn die Aufstände abgewendet werden sollen, wirst du noch überzeugender sein müssen«, sagt er. »Diese Tour ist deine letzte Chance, das Blatt zu wenden.«

»Ich weiß. Und es wird mir gelingen. Ich werde alle in den Distrikten davon überzeugen, dass ich nicht das Kapitol herausfordern wollte, sondern verrückt vor Liebe war«, sage ich.

Präsident Snow erhebt sich und tupft die Wulstlippen mit einer Serviette ab. »Du musst dir ein höheres Ziel stecken, für den Fall, dass du es nicht erreichst.«

»Wie meinen Sie das? Was für ein höheres Ziel soll ich mir stecken?«, frage ich.

»Überzeuge mich«, sagt er. Er lässt die Serviette sinken und nimmt wieder sein Buch. Ich schaue ihn nicht an, als er zur Tür geht, deshalb zucke ich zusammen, als er mir ins Ohr flüstert: »Übrigens, ich weiß von dem Kuss.« Dann fällt die Tür hinter ihm ins Schloss.

3

Der Geruch von Blut … er lag in seinem Atem. Was macht er bloß?, denke ich. Trinkt er es? Ich stelle mir vor, wie er Blut aus einer Teetasse trinkt. Wie er einen Keks hineintunkt und ihn rot triefend herauszieht.

Draußen vorm Fenster kommt ein Auto in Gang, sanft und leise wie das Schnurren einer Katze, dann verschwindet es in der Ferne. Es stiehlt sich davon, wie es gekommen ist, unbemerkt.

Das Zimmer scheint sich in langsamen, schiefen Kreisen zu drehen, ich frage mich, ob ich womöglich ohnmächtig werde. Ich beuge mich vor und stütze mich mit einer Hand am Schreibtisch ab. In der anderen halte ich noch immer Peetas wunderhübschen Keks. Ich glaube, es war eine orangefarbene Lilie darauf, doch jetzt sind nur noch Krümel in meiner Faust. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich ihn zerdrückt habe, aber ich musste mich wohl an irgendetwas festhalten, während meine Welt aus den Fugen geriet.

Ein Besuch von Präsident Snow. Distrikte kurz vor dem Aufstand. Eine direkte Morddrohung gegen Gale, auf die weitere folgen werden. Alle, die ich liebe, todgeweiht. Und wer weiß, wer noch für meine Taten bezahlen muss? Wenn ich bei der Tour der Sieger das Blatt nicht wende. Die Unzufriedenen besänftige und den Präsidenten beruhige. Und wie? Indem ich überall im Land jeden Zweifel daran ausräume, dass ich Peeta Mellark liebe.

Das schaffe ich nicht, denke ich. So gut bin ich nicht. Peeta ist der Gute, der Liebenswürdige. Er kann die Leute von allem überzeugen. Ich schweige lieber, halte mich zurück, überlasse das Reden so weit wie möglich ihm. Aber nicht Peeta soll seine Zuneigung unter Beweis stellen, sondern ich.

Ich höre den leichten, schnellen Schritt meiner Mutter im Flur. Sie darf das nicht erfahren, denke ich. Nichts von alldem. Ich halte die Hände über das Tablett und wische mir schnell die Kekskrümel von den Fingern. Zittrig trinke ich einen Schluck Tee.

»Ist alles in Ordnung, Katniss?«, fragt sie.

»Alles gut. Wir haben es im Fernsehen nie gesehen, aber der Präsident besucht die Sieger immer vor der Tour, um ihnen Glück zu wünschen«, sage ich fröhlich.

Ich sehe ihr an, wie erleichtert sie ist. »Ach so. Ich dachte schon, es gäbe irgendwelche Schwierigkeiten.«

»Nein, gar nicht«, sage ich. »Aber ich kriege Schwierigkeiten, wenn das Vorbereitungsteam sieht, wie meine Augenbrauen schon wieder zugewachsen sind.« Meine Mutter lacht, und ich denke daran, dass ich damals, als ich mit elf Jahren die Sorge für die Familie übernahm, eine unwiderrufliche Entscheidung getroffen habe. Und dass ich meine Mutter immer werde beschützen müssen.

»Soll ich dir schon mal dein Bad einlassen?«, fragt sie.

»Ja, gern«, sage ich, und ich sehe, wie froh sie über die Antwort ist.

Seit ich wieder zu Hause bin, gebe ich mir große Mühe, das Verhältnis zu meiner Mutter zu verbessern. Anstatt jedes Hilfsangebot abzulehnen, wie ich es jahrelang aus Wut getan habe, bitte ich sie jetzt ab und zu um einen Gefallen. Ich lasse sie das ganze Geld verwalten, das ich gewonnen habe. Erwidere ihre Umarmungen, anstatt sie bloß über mich ergehen zu lassen. In der Arena ist mir klar geworden, dass ich sie nicht länger für etwas bestrafen darf, woran sie nicht schuld ist, vor allem nicht für die schrecklichen Depressionen, in die sie nach dem Tod meines Vaters versunken ist. Manchmal sind die Menschen einfach machtlos gegen das, was mit ihnen geschieht.

Wie ich zum Beispiel, in diesem Moment.

Außerdem hat sie bei meiner Rückkehr in den Distrikt etwas ganz Wunderbares getan. Nachdem unsere Freunde und Verwandten Peeta und mich am Bahnhof begrüßt hatten, durften uns die Reporter ein paar Fragen stellen. Einer fragte meine Mutter, was sie von meinem neuen Freund halte, und sie antwortete, Peeta sei zwar ein Traum von einem jungen Mann, aber ich sei noch nicht alt genug, um überhaupt einen Freund zu haben. Daraufhin warf sie Peeta einen durchdringenden Blick zu. Von der Presse gab es viel Gelächter und Bemerkungen wie: »Da hat aber einer ein Problem«, und Peeta ließ meine Hand los und trat einen Schritt zur Seite. Das dauerte nicht lange - der Druck, sich anders zu verhalten, war zu groß -, doch wir hatten jetzt einen Vorwand, ein wenig zurückhaltender zu sein als im Kapitol. Und vielleicht hat das auch dazu beigetragen, dass ich von Peeta, seit die Kameras verschwunden sind, nicht mehr allzu viel gesehen habe.

Ich gehe hinauf ins Badezimmer, wo mich eine Wanne mit dampfendem Wasser erwartet. Meine Mutter hat einen kleinen Beutel getrocknete Blumen hinzugegeben, die ihren Duft verströmen. Keiner von uns ist den Luxus gewohnt, einen Wasserhahn aufzudrehen und eine unbegrenzte Menge warmes Wasser zur Verfügung zu haben. In unserem Haus im Saum gab es nur kaltes Wasser, und wenn man baden wollte, musste man das Wasser über dem Feuer erwärmen. Ich ziehe mich aus, lasse mich in das seidenweiche Wasser gleiten - meine Mutter hat auch irgendein Öl hineingetan - und versuche, alles zu ordnen.

Die erste Frage ist, wem ich davon erzählen soll, wenn überhaupt jemandem. Natürlich nicht meiner Mutter und Prim, sie wären krank vor Sorge. Gale auch nicht. Selbst wenn ich mit ihm sprechen könnte. Was sollte er damit anfangen? Wenn er allein wäre, könnte ich versuchen, ihn zur Flucht zu überreden. Ganz sicher würde er im Wald überleben. Aber er ist nicht allein und er würde seine Familie niemals im Stich lassen. Und mich auch nicht. Wenn ich wieder zu Hause bin, muss ich ihm irgendwie erklären, weshalb unsere Sonntage der Vergangenheit angehören müssen, aber darüber kann ich jetzt nicht nachdenken. Nur über den nächsten Schritt. Außerdem ist Gale schon so wütend auf das Kapitol, dass ich manchmal glaube, er organisiert seinen eigenen Aufstand. Da brauche ich ihn jetzt wirklich nicht noch zusätzlich anzustacheln. Nein, von denen, die ich in Distrikt 12 zurücklasse, kann ich es keinem erzählen.

Es gibt aber noch drei Menschen, denen ich mich anvertrauen könnte. Zunächst einmal Cinna, meinem Stylisten. Aber ich fürchte, dass Cinna jetzt schon in Gefahr ist, und ich möchte ihn nicht noch mehr in Schwierigkeiten bringen, indem ich ihn auf meine Seite ziehe. Dann Peeta, der bei diesem Theater mein Partner sein wird - aber wie sollte ich ein solches Gespräch anfangen? Du, Peeta, weißt du noch, als ich dir erzählt hab, ich hatte nur so getan, als ob ich in dich verliebt wäre? Tja, also, das musst du unbedingt vergessen und dich jetzt ganz besonders verliebt aufführen, sonst bringt der Präsident womöglich Gale um. Ausgeschlossen. Abgesehen davon wird Peeta seine Sache sowieso gut machen, ob er nun weiß, was auf dem Spiel steht, oder nicht. Bleibt noch Haymitch. Der unleidliche, streitsüchtige Trunkenbold Haymitch, dem ich vor nicht allzu langer Zeit eine Schüssel eiskaltes Wasser über den Kopf gekippt habe. Als mein Mentor bei den Spielen war es seine Aufgabe, für mein Überleben zu sorgen. Hoffentlich betrachtet er das immer noch als seinen Job.

Ich lasse mich ganz ins Wasser gleiten, blende die Geräusche um mich herum aus. Jetzt müsste die Badewanne sich ausdehnen, dann könnte ich schwimmen, wie an heißen Sommertagen mit meinem Vater im Wald. Das waren ganz besondere Tage. Wir verließen dann schon frühmorgens das Haus und wanderten tiefer in den Wald hinein als sonst, bis zu einem kleinen See, den er bei der Jagd einmal entdeckt hatte. Ich weiß nicht mal mehr, wie ich schwimmen gelernt habe, so klein war ich, als er es mir beibrachte. Ich erinnere mich nur noch daran, wie ich immer getaucht bin, im Wasser Purzelbäume schlug und herumplanschte. An den schlammigen Grund des Sees unter meinen Zehen. Den Duft von Blüten und Laub. Wie ich mich auf dem Rücken treiben ließ, so wie jetzt, und in den blauen Himmel schaute, während das Waldgezwitscher vom Wasser ausgeblendet wurde. Er erlegte Wasservögel, die am Ufer nisteten, ich suchte im Gras nach Eiern, und wir beide gruben im seichten Wasser nach Katniss-Knollen, dem Pfeilkraut, nach dem er mich benannt hat. Abends, wenn wir nach Hause kamen, tat meine Mutter so, als würde sie mich nicht wiedererkennen, weil ich so sauber war. Dann bereitete sie ein großartiges Essen aus gebratener Ente und gebackenen Knollen mit Soße.

Mit Gale bin ich nie zu dem See gegangen. Ich hätte es tun können. Es ist ein langer Weg dorthin, aber die Wasservögel sind so leichte Beute, dass man die verlorene Jagdzeit wieder wettmacht. Doch ich wollte den Ort mit niemandem teilen, den Ort, der nur meinem Vater und mir gehörte. Nach den Spielen, als ich wenig zu tun hatte, war ich ein paarmal da. Es war immer noch schön, dort zu schwimmen, aber die Ausflüge haben mich eher deprimiert. Der See hat sich in den letzten sechs Jahren erstaunlich wenig verändert, während ich kaum wiederzuerkennen bin.

Selbst unter Wasser höre ich den Tumult. Autohupen, laute Begrüßungen, Türenknallen. Das kann nur bedeuten, dass meine Begleiter eingetroffen sind. Ich habe gerade noch Zeit, mich abzutrocknen und einen Bademantel überzuziehen, bevor mein Vorbereitungsteam ins Badezimmer platzt. Eine Intimsphäre gibt es nicht. Was meinen Körper angeht, haben wir keine Geheimnisse voreinander, die drei und ich.

»Katniss, deine Augenbrauen!«, kreischt Venia sofort, und trotz des Unheils, das über mir schwebt, muss ich ein Lachen unterdrücken. Ihre blauen Haare stehen in spitzen Zacken vom Kopf ab, und ihre goldenen Tattoos, bisher nur über den Augenbrauen, schlängeln sich jetzt bis unter die Augen. All das verstärkt den Eindruck, dass ich sie wirklich erschreckt habe.

Octavia kommt und klopft Venia beruhigend auf den Rücken, ihr kurvenreicher Körper wirkt neben Venias dünnem, eckigem besonders füllig. »Na, na. Die kriegst du doch im Nu wieder hin. Aber was soll ich bloß mit diesen Nägeln anstellen?« Sie packt meine Finger und drückt sie zwischen ihren erbsgrünen Händen ganz platt. Nein, ihre Haut ist im Moment nicht richtig erbsgrün. Eher von einem hellen Immergrün. Bestimmt ist das im Kapitol gerade die neueste Mode. »Katniss, du hättest mir wirklich ein wenig Material übrig lassen können!«, jammert sie.

Sie hat recht. In den letzten Monaten habe ich meine Nägel völlig heruntergekaut. Ich hatte überlegt, es mir abzugewöhnen, aber mir fiel kein vernünftiger Grund ein. »Tut mir leid«, murmele ich. Darüber, was das für mein Vorbereitungsteam bedeuten würde, habe ich nicht groß nachgedacht.

Flavius hebt ein paar Strähnen meiner nassen, wirren Haare hoch. Er schüttelt missbilligend den Kopf, sodass seine orangefarbenen Korkenzieherlocken wippen. »Hat irgendjemand diese Haare berührt, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?«, fragt er streng. »Du weißt doch, wir haben dich vor allem gebeten, deine Haare in Ruhe zu lassen.«

»Ja!«, sage ich, dankbar, ihnen zeigen zu können, dass ich nicht völlig achtlos war. »Ich meine, nein, keiner hat sie geschnitten. Daran hab ich gedacht.« Nein, habe ich nicht. Die Frage hatte sich gar nicht gestellt. Seit ich zurück war, habe ich sie einfach, wie eh und je, zu einem Zopf geflochten.

Das scheint sie zu besänftigen, und sie küssen mich alle, setzen mich in meinem Schlafzimmer auf einen Stuhl, und dann plappern sie, wie üblich, unaufhörlich, ohne sich darum zu scheren, ob ich zuhöre. Während Venia meine Augenbrauen wieder in Form bringt, Octavia mir künstliche Fingernägel verpasst und Flavius irgendein Zeug in meine Haare massiert, erfahre ich alles über das Kapitol. Wie toll die Spiele waren, wie öde es seitdem ist, dass sie es alle gar nicht erwarten können, bis Peeta und ich am Ende der Tour der Sieger wieder vorbeikommen. Danach wird es nicht mehr lange dauern, bis sich das Kapitol auf das Jubel-Jubiläum vorbereitet.

»Ist das nicht spannend?«

»Hast du nicht ein unverschämtes Glück?«

»In deinem allerersten Jahr als Siegerin darfst du schon Mentorin bei einem Jubel-Jubiläum sein!«

In der allgemeinen Aufregung überschneiden sich ihre Worte.

»Doch, ja«, sage ich ausdruckslos. Mehr bringe ich nicht zustande. Schon in einem gewöhnlichen Jahr ist es ein Albtraum, Mentor der Tribute zu sein. Ich kann nicht mehr an der Schule vorbeigehen, ohne mich zu fragen, wen ich wohl betreuen muss. Aber zu allem Übel ist dies das Jahr der fünfundsiebzigsten Hungerspiele und damit ein Jubel-Jubiläum. Alle fünfundzwanzig Jahre ist es so weit, dann wird die Niederlage der Distrikte ganz besonders großartig gefeiert, und als besonderer Spaß wartet noch eine spezielle Grausamkeit auf die Tribute. Natürlich habe ich das noch nie miterlebt. Doch in der Schule habe ich mal gehört, dass das Kapitol zum zweiten Jubel-Jubiläum die doppelte Anzahl Tribute in die Arena geschickt hat. Die Lehrer haben das Thema nicht weiter vertieft, was erstaunlich ist, schließlich machte in dem Jahr Haymitch Abernathy aus unserem Distrikt 12 das Rennen.

»Haymitch kann sich schon mal darauf gefasst machen, dass er so richtig im Mittelpunkt stehen wird«, kreischt Octavia.

Haymitch hat mir gegenüber noch nie von seiner eigenen Zeit in der Arena gesprochen. Ich würde ihn auch nie danach fragen. Und falls ich seine Spiele je als Wiederholung gesehen habe, war ich wohl noch zu klein, um mich daran zu erinnern. Aber dieses Jahr wird das Kapitol ihn am Vergessen hindern. Im Grunde ist es ganz gut, dass Peeta und ich bei dem Jubiläum als Mentoren zur Verfügung stehen, denn Haymitch wird garantiert sturzbetrunken sein.

Nachdem sie sich hinreichend über das Jubel-Jubiläum ausgelassen haben, tauschen sie sich endlos lange über ihr unsäglich belangloses Leben aus. Wer was über wen auch immer gesagt hat, was für Schuhe sie gerade gekauft haben und dann noch eine lange Geschichte von Octavia darüber, was für ein Fehler es gewesen sei, dass die Gäste auf ihrer Geburtstagsfeier Federschmuck tragen sollten.

Schon bald brennt die Haut unter meinen Augenbrauen, meine Haare sind glatt und seidig und meine Nägel bereit für den Lack. Anscheinend ist das Team angewiesen, nur meine Hände und mein Gesicht zu behandeln, alles andere wird bei dem kalten Wetter wohl bedeckt sein. Flavius würde zu gern sein eigenes Markenzeichen, lila Lippenstift, bei mir anwenden, gibt sich dann aber doch mit Rosa zufrieden. An der Farbpalette, die Cinna festgelegt hat, sehe ich, dass wir auf mädchenhaft machen, nicht auf sexy. Gut so. Wenn ich versuchen müsste, aufreizend auszusehen, würde ich nie jemanden von irgendetwas überzeugen. Das hat Haymitch sehr deutlich gemacht, als er mich nach den Spielen für das Interview vorbereitet hat.

Meine Mutter kommt herein, ein wenig schüchtern, und sagt, Cinna habe sie gebeten, dem Vorbereitungsteam zu zeigen, wie sie mir am Tag der Ernte das Haar frisiert hat. Sie sind begeistert und schauen fasziniert zu, wie meine Mutter die komplizierte Frisur genau erklärt. Im Spiegel sehe ich, wie sie mit ernstem Gesicht jede ihrer Bewegungen verfolgen und wie eifrig sie bei der Sache sind, als sie es selbst probieren dürfen. Alle drei behandeln meine Mutter respektvoll und freundlich, und jetzt schäme ich mich dafür, dass ich mich ihnen immer so überlegen fühle. Wer weiß, wie ich wäre oder worüber ich reden würde, wenn ich im Kapitol aufgewachsen wäre? Vielleicht hätte ich dann auch nichts Schlimmeres zu bereuen, als dass die Gäste zu meiner Geburtstagsfeier in Federkostümen gekommen sind.

Als meine Frisur fertig ist, gehe ich hinunter ins Wohnzimmer, wo ich Cinna treffe. Sein bloßer Anblick stimmt mich ein wenig hoffnungsfroher. Er sieht aus wie immer, einfache Kleider, kurze braune Haare, nur ein Hauch goldener Eyeliner. Wir umarmen uns und um ein Haar wäre ich mit der Geschichte über Präsident Snow herausgeplatzt. Aber nein, ich habe beschlossen, es zuerst Haymitch zu erzählen. Er wird am besten wissen, wen ich damit belasten kann. Aber es ist so leicht, mit Cinna zu reden. In letzter Zeit haben wir oft telefoniert, denn mit dem Haus haben wir gleichzeitig auch ein Telefon bekommen. Es ist eigentlich ein Witz, weil praktisch niemand, den wir kennen, eins besitzt. Peeta ja, aber ihn rufe ich natürlich nicht an. Haymitch hat seins schon vor Jahren aus der Wand gerissen. Meine Freundin Madge, die Tochter des Bürgermeisters, hat zu Hause ein Telefon, aber wenn wir uns unterhalten wollen, tun wir das persönlich. Am Anfang wurde das Ding fast gar nicht benutzt. Dann rief Cinna regelmäßig an, um an meinem Talent zu arbeiten.

Von jedem Sieger wird erwartet, dass er ein Talent hat. Ein Hobby, das man pflegt, da man ja weder zur Schule gehen noch arbeiten muss. Es kann eigentlich alles sein, alles, wovon sich in einem Interview erzählen lässt. Peeta hat tatsächlich ein Talent, er kann malen. Jahrelang hat er die Torten und Kekse in der Bäckerei seiner Familie verziert. Aber jetzt, da er reich ist, kann er es sich leisten, richtige Farbe auf Leinwand zu pinseln. Ich habe kein Talent, mal abgesehen von illegalem Jagen, aber das gilt nicht. Oder vielleicht Singen, was ich nicht in einer Million Jahren für das Kapitol tun würde. Meine Mutter hat versucht, mich für die unterschiedlichsten Hobbys von einer Liste, die Effie Trinket ihr geschickt hat, zu begeistern. Kochen, Blumenbinden, Flötenspiel. Nichts davon hat geklappt, während Prim für alle drei Talent hatte. Schließlich hat Cinna sich eingeschaltet und angeboten, meine Leidenschaft für Modedesign zu entwickeln, die wirklich erst entwickelt werden musste, da sie bis dahin gar nicht existierte. Aber ich habe zugestimmt, weil ich auf diese Weise mit Cinna reden konnte, und er versprach, die ganze Arbeit zu machen.

Jetzt drapiert er mein Wohnzimmer mit Kleidern, Stoffen und Skizzenbüchern voller Zeichnungen, die er angefertigt hat. Ich nehme eins der Skizzenbücher und schaue ein Kleid an, das ich angeblich entworfen habe. »Also, ich finde mich wirklich vielversprechend«, sage ich.

»Zieh dich an, du nichtsnutziges Ding«, sagt er und wirft mir ein Bündel Kleider zu.

Ich interessiere mich zwar nicht für Design, aber ich liebe die Kleidung, die Cinna für mich entwirft. So wie diese hier. Eine locker fallende schwarze Hose aus dickem, warmem Stoff.

Ein bequemes weißes T-Shirt. Ein Pulli aus grüner, blauer und grauer lämmchenweicher Wolle. Lederne Schnürstiefel, die meine Zehen nicht einquetschen.

»Hab ich meine Kleider selbst entworfen?«

»Nein, es ist dein Ziel, deine eigenen Kleider zu entwerfen und wie ich zu sein, dein großes Mode-Idol«, sagt Cinna. Er reicht mir einen kleinen Stapel Karten. »Das liest du aus dem Off, während die Kleider gefilmt werden. Lass es so klingen, als ob es dich wirklich interessiert.«

In diesem Moment kommt Effie Trinket mit kürbisfarbener Perücke auf dem Kopf herein und mahnt alle: »Vergesst mir nicht den Zeitplan!« Sie küsst mich auf beide Wangen und winkt das Kamerateam herein, dann sagt sie mir, was ich zu tun habe. Effie allein ist es zu verdanken, dass wir im Kapitol immer pünktlich waren, also tue ich ihr den Gefallen. Ich hüpfe herum wie eine Marionette, halte Kleider hoch und sage sinnlose Sätze wie »Ist das nicht super?«. Während ich begeistert von meinen Karten ablese, nehmen die Tontechniker mich auf, um meine Kommentare später einfügen zu können. Dann werde ich hinausgeworfen, damit die Kameraleute in Ruhe meine beziehungsweise Cinnas Entwürfe filmen können.

Prim ist für das Ereignis extra früher von der Schule nach Hause gekommen. Jetzt steht sie in der Küche und wird von einem anderen Team interviewt. Sie sieht wunderschön aus in einem himmelblauen Kleid, das ihre Augen zur Geltung bringt; die blonden Haare sind mit einem Band in der gleichen Farbe zurückgebunden. Sie beugt sich auf den Spitzen ihrer glänzenden weißen Stiefel ein wenig vor, als wollte sie abheben wie …

Wumm! Es ist ein Gefühl, als hätte mir jemand gegen die Brust geschlagen. Natürlich nicht wirklich, aber der Schmerz ist so real, dass ich einen Schritt zurückweiche. Ich mache die Augen ganz fest zu und sehe nicht Prim - ich sehe Rue, das zwölfjährige Mädchen aus Distrikt 11, meine Verbündete in der Arena. Sie konnte fliegen wie ein Vogel, von Baum zu Baum, sie fand auf den zartesten Ästen Halt. Rue, die ich nicht gerettet habe. Die ich sterben ließ. Ich sehe sie vor mir, wie sie auf dem Boden liegt, den Speer im Bauch …

Wen noch werde ich nicht vor der Rache des Kapitols retten können? Wer wird noch sterben, wenn ich Präsident Snow nicht zufriedenstelle?

Ich merke, dass Cinna versucht, mir einen Mantel anzuziehen, also hebe ich die Arme. Ich spüre, wie Pelz mich umhüllt. Er stammt von einem Tier, das ich noch nie gesehen habe. »Hermelin«, sagt Cinna, als ich über den weißen Ärmel streiche. Lederhandschuhe. Ein knallroter Schal. Etwas Pelziges bedeckt meine Ohren. »Du bringst Ohrenschützer wieder in Mode.«

Ich hasse Ohrenschützer, denke ich. Mit den Dingern kann man schlecht hören, und seit ich in der Arena bei einer Explosion auf einem Ohr taub geworden war, verabscheue ich sie noch mehr. Nach meinem Sieg hat das Kapitol mein Ohr wiederhergestellt, aber ich merke, dass ich es immer noch oft überprüfe.

Meine Mutter kommt herbeigelaufen, sie verbirgt etwas in den Händen. »Als Glücksbringer«, sagt sie.

Es ist die Brosche, die Madge mir gegeben hat, bevor ich in die Spiele gezogen bin. Ein fliegender Spotttölpel in einem goldenen Ring. Ich wollte die Brosche Rue schenken, doch sie hat sie nicht angenommen. Sie sagte, wegen der Brosche habe sie beschlossen, mir zu vertrauen. Cinna steckt sie am Knoten des Schals fest.

Effie Trinket kommt herbei und klatscht in die Hände. »Alle mal herhören! Wir machen gleich die erste Außenaufnahme -die Sieger begrüßen einander zu Beginn der wunderbaren Tour. Los, Katniss, strahlendes Lächeln bitte, du freust dich wahnsinnig, klar?« Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass sie mich zur Tür hinausschiebt.

Im ersten Moment kann ich nichts sehen, denn jetzt hat es richtig angefangen zu schneien. Dann erkenne ich Peeta, der aus der Haustür kommt. Ich habe die Anweisung von Präsident Snow im Kopf: »Überzeuge mich.« Und ich weiß, dass ich es tun muss.

Ich setze mein strahlendstes Lächeln auf und gehe auf Peeta zu. Dann renne ich los, als könnte ich keine Sekunde länger warten. Er fängt mich auf und wirbelt mich herum, rutscht plötzlich aus - er hat sein künstliches Bein noch nicht ganz in der Gewalt -, und wir fallen in den Schnee, ich auf ihn drauf, und dann küssen wir uns, zum ersten Mal seit Monaten. Es ist ein Kuss voller Pelz und Schnee und Lippenstift, doch darunter spüre ich die Ruhe, die Peeta immer ausstrahlt. Und ich weiß, dass ich nicht allein bin. Sosehr ich ihn auch verletzt habe, er wird mich vor den Kameras nicht bloßstellen. Wird mich nicht mit einem halbherzigen Kuss bestrafen. Er passt immer noch auf mich auf. Genau wie in der Arena. Bei dem Gedanken würde ich am liebsten weinen. Doch ich helfe ihm auf, hake mich mit meiner behandschuhten Hand bei ihm unter und ziehe ihn vergnügt mit.

Der Rest des Tages ist ein verschwommenes Durcheinander aus dem Weg zum Bahnhof, dem Abschied von allen, dem abfahrenden Zug, dem Abendessen mit dem alten Team - Peeta und ich, Effie und Haymitch, Cinna und Portia, Peetas Stylistin -, ein himmlisches Abendessen, an das ich mich nicht mehr erinnern kann. Und dann bin ich in einen Schlafanzug und einen riesigen Bademantel gehüllt, sitze in meinem vornehmen Abteil und warte darauf, dass die anderen schlafen gehen. Ich weiß, dass Haymitch noch stundenlang wach sein wird. Er schläft nicht gern, wenn es draußen dunkel ist.

Als im Zug alles ruhig scheint, ziehe ich meine Pantoffeln an und tapse zu seiner Tür. Ich muss mehrmals anklopfen, ehe er kommt, fluchend, als wäre er überzeugt, dass ich schlechte Neuigkeiten bringe.

»Was willst du?«, fragt er, und der Weindunst, den er verströmt, haut mich fast um.

»Ich muss mit dir reden«, flüstere ich.

»Jetzt?«, fragt er. Ich nicke. »Hoffentlich hast du einen guten Grund.« Er wartet, aber ich habe das Gefühl, dass jedes Wort, das wir in einem Zug des Kapitols sagen, aufgezeichnet wird. »Und?«, sagt er schroff.

Der Zug bremst ab, und ganz kurz denke ich, Präsident Snow hat mich beobachtet und es nicht gutgeheißen, dass ich mich Haymitch anvertraue, und deshalb hat er beschlossen, mich auf der Stelle zu töten. Doch wir halten nur an, weil der Zug Treibstoff braucht.

»Hier im Zug ist es so stickig«, sage ich.

Es ist ein harmloser Satz, aber ich sehe, wie Haymitch die Augen schmal macht, er hat verstanden. »Dagegen weiß ich was.« Er schiebt sich an mir vorbei und torkelt durch den Gang zu einer Tür. Als er sie mühsam geöffnet hat, schlägt uns eine Schneewolke entgegen. Er stolpert hinaus und landet auf dem Boden.

Eine Dienerin vom Kapitol eilt herbei, um zu helfen, doch Haymitch gibt ihr gutmütig zu verstehen, dass sie wieder gehen kann, und taumelt weiter. »Brauch bloß ein bisschen frische Luft. Nur einen kleinen Moment.«

»Entschuldigung. Er ist betrunken«, sage ich. »Ich hole ihn rein.« Ich springe hinunter und stolpere hinter ihm an den Gleisen entlang. Meine Pantoffeln werden im Schnee klatschnass, während er mich ans Ende des Zuges führt, damit uns niemand hören kann. Dann wendet er sich zu mir.

»Was ist los?«

Ich erzähle ihm alles. Von dem Besuch des Präsidenten, von Gale und dass wir alle sterben müssen, wenn ich versage.

Sein Gesicht wird nüchterner, scheint im Licht der roten Schlusslichter zu altern. »Dann darfst du eben nicht versagen.«

»Wenn du mir bloß helfen kannst, diese Tour zu überstehen …«, setze ich an.

»Nein, Katniss, es geht nicht nur um die Tour«, sagt er.

»Wie meinst du das?«, frage ich.

»Selbst wenn du es schaffst, kommen sie doch in ein paar Monaten wieder und holen uns alle zu den Spielen ab. Du und Peeta, ihr werdet Mentoren sein, jedes Jahr von nun an. Und jedes Jahr werden sie auf die Liebesgeschichte zurückkommen und alle Einzelheiten deines Privatlebens breittreten, und du kannst nichts anderes tun, als bis ans Ende deiner Tage mit diesem Jungen zu leben.«

Seine Worte treffen mich mit voller Wucht. Selbst wenn ich es möchte, wird es für mich nie ein Leben mit Gale geben. Ich werde nie allein leben dürfen. Ich muss für immer in Peeta verliebt sein. Das Kapitol wird darauf bestehen. Ein paar Jahre darf ich vielleicht noch mit meiner Mutter und Prim zusammenwohnen, weil ich ja erst siebzehn bin. Und dann … und dann …

»Verstehst du, was ich sagen will?«, drängt er.

Ich nicke. Er will sagen, dass es nur eine mögliche Zukunft gibt, wenn ich dafür sorgen möchte, dass meine Lieben und ich selbst am Leben bleiben. Ich werde Peeta heiraten müssen.

4

Schweigend trotten wir zurück zum Zug. Im Gang vor meinem Abteil klopft Haymitch mir auf die Schulter und sagt: »Du könntest es viel schlechter treffen.« Dann geht er weiter zu seinem Abteil, die Weinfahne weht hinter ihm her.

In meinem Abteil ziehe ich die durchweichten Pantoffeln, den nassen Bademantel und den Schlafanzug aus. In den Schubladen sind noch mehr Schlafanzüge, doch ich krieche einfach in Unterwäsche unter die Bettdecke. Ich starre in die Dunkelheit und denke über das Gespräch mit Haymitch nach. Alles, was er gesagt hat, stimmt: die Erwartungen des Kapitols, meine Zukunft mit Peeta, sogar seine letzte Bemerkung. Natürlich könnte ich es viel schlechter treffen als mit Peeta. Aber darum geht es ja eigentlich nicht. Eine der wenigen Freiheiten, die wir in Distrikt 12 haben, ist das Recht, zu heiraten, wen wir wollen, oder auch gar nicht zu heiraten. Und jetzt haben sie mir selbst das noch genommen. Ich frage mich, ob Präsident Snow wohl darauf bestehen wird, dass wir Kinder bekommen. Wenn wir welche bekommen, werden sie sich jedes Jahr der Ernte stellen müssen. Und wäre das nicht ein Spektakel, wenn das Kind nicht nur eines Siegers, sondern gleich zweier Sieger für die Arena auserwählt würde? Es ist schon öfter vorgekommen, dass Kinder von Siegern in den Ring mussten. Dann gibt es jedes Mal große Aufregung, und die Leute sagen, dass diese Familie wirklich kein Glück hat. Aber es kommt so oft vor, dass es nicht nur mit Glück zu tun haben kann. Gale ist davon überzeugt, dass es Absicht ist; dass das Kapitol die Auslosung manipuliert, um die Dramatik zu steigern. Wenn man bedenkt, für wie viel Ärger ich gesorgt habe, dann dürfte jedem meiner Kinder ein Auftritt in den Spielen garantiert sein.

Ich denke an Haymitch, der unverheiratet ist, keine Familie hat und die Welt mit Alkohol ausblendet. Er hätte jede Frau im Distrikt haben können. Und wählte die Abgeschiedenheit. Nicht Abgeschiedenheit - das klingt zu friedlich. Eher so etwas wie Einzelhaft. Wusste er nach seiner Erfahrung in der Arena, dass das besser war, als die Alternative zu riskieren? Ich habe einen Vorgeschmack auf diese Alternative bekommen, als am Tag der Ernte Prims Name aufgerufen wurde und ich sah, wie sie zur Bühne ging, geradewegs in den Tod. Doch als Schwester konnte ich mich an ihrer Stelle melden, was unserer Mutter nicht erlaubt war.

Panisch versuche ich einen Ausweg zu ersinnen. Ich kann es nicht zulassen, dass Präsident Snow mich zu diesem Los verdammt. Und wenn ich mir das Leben nehmen müsste. Aber vorher würde ich versuchen zu fliehen. Was würden sie tun, wenn ich einfach abtauchen würde? In den Wald verschwinden und nie mehr herauskommen würde? Wäre es vielleicht sogar denkbar, alle meine Lieben mitzunehmen und mitten in der Wildnis ein neues Leben anzufangen? Höchst unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.

Ich schüttele den Kopf, um die Gedanken zu ordnen. Jetzt ist nicht der richtige Moment, um wilde Fluchtpläne zu schmieden. Ich muss mich auf die Tour der Sieger konzentrieren. Das Schicksal zu vieler Menschen hängt davon ab, dass ich eine überzeugende Vorstellung liefere.

Das Morgengrauen kommt vor dem Schlaf und dann klopft auch schon Effie an meine Tür. Ich ziehe die erstbesten Sachen an, die auf der Kommode liegen, und schleppe mich in den Speisewagen. Ich verstehe nicht, weshalb ich früh aufstehen soll, da es ohnehin ein Reisetag ist, aber dann erfahre ich, dass die Verschönerung gestern nur für den Weg zum Bahnhof war. Heute macht sich das Vorbereitungsteam noch mal richtig an die Arbeit.

»Wozu? Bei der Kälte sieht man doch sowieso nichts«, murre ich.

»In Distrikt 11 ist es aber nicht kalt«, sagt Effie.

Distrikt 11. Unsere erste Station. Ich würde lieber in einem anderen Distrikt anfangen, denn in 11 war Rue zu Hause. Aber so läuft das nicht bei der Tour der Sieger. Normalerweise geht es in Distrikt 12 los, dann werden der Reihe nach alle Distrikte durchlaufen, bis die Reise schließlich ins Kapitol führt. Der Distrikt des Siegers wird ausgespart und kommt ganz zum Schluss dran. Sonst veranstaltet Distrikt 12 immer die am wenigsten spektakuläre Feier - für gewöhnlich nur ein Essen für die Tribute und eine Siegesfeier auf dem Platz, bei der niemand so aussieht, als würde er sich amüsieren. In diesem Jahr wird Distrikt 12 zum ersten Mal seit Haymitchs Sieg die Endstation der Tour sein und das Kapitol spendiert die Feier, da ist es wahrscheinlich am besten, wenn wir hier so schnell wie möglich verschwinden, damit alles vorbereitet werden kann.

Ich versuche das Essen zu genießen, wie Hazelle es mir geraten hat. Die Leute in der Küche wollen mir offenbar eine Freude machen. Sie haben mein Leibgericht gekocht, Lammeintopf mit Backpflaumen, und andere Köstlichkeiten. Auf dem Tisch warten an meinem Platz Orangensaft und ein Becher dampfend heißer Kakao. Ich esse eine Menge, und das Mahl ist tadellos, aber ich kann nicht sagen, dass ich es genieße. Außerdem ärgert es mich, dass sich außer Effie und mir niemand blicken lässt. »Wo sind die anderen alle?«, frage ich.

»Ach, wer weiß, wo Haymitch ist«, sagt Effie. Mit Haymitch hatte ich sowieso nicht gerechnet, der geht wahrscheinlich gerade schlafen. »Cinna war gestern lange auf, er musste einen Waggon für deine Kleider organisieren. Er hat bestimmt über hundert für dich. Deine Abendgarderobe ist exquisit. Und Peetas Team schläft vermutlich noch.«

»Muss er nicht vorbereitet werden?«, frage ich.

»Nicht so wie du«, sagt Effie.

Was soll das heißen? Es heißt, dass ich den Vormittag damit verbringen werde, mir die Haare vom Körper reißen zu lassen, während Peeta ausschlafen kann. Ich hatte nicht groß darüber nachgedacht, aber in der Arena haben wenigstens einige der Jungs ihre Körperbehaarung behalten, von den Mädchen dagegen kein einziges. Jetzt erinnere ich mich an Peetas Behaarung, als ich ihn am Bach gewaschen habe. Sehr blond im Sonnenlicht, nachdem ich den Schlamm und das Blut erst einmal abgespült hatte. Nur sein Gesicht blieb vollkommen glatt. Nicht einer von den Jungs bekam einen Bart, obwohl viele alt genug waren. Ich frage mich, was sie wohl mit ihnen angestellt haben.

Wenn ich mich schon groggy fühle, so scheint mein Vorbereitungsteam in noch schlimmerer Verfassung zu sein. Sie stürzen den Kaffee hinunter und tauschen kleine bunte Pillen. Soweit ich weiß, stehen sie nie vor dem Mittag auf, es sei denn, es gibt eine Art nationalen Notstand, wie zum Beispiel meine behaarten Beine. Ich war so froh, als die Haare wieder wuchsen. Als wären sie ein Zeichen dafür, dass alles wieder wie immer werden könnte. Ich streiche mit den Fingern über den weichen, gekräuselten Flaum auf meinen Beinen und überlasse mich dem Team. Keiner von ihnen ist zu dem üblichen Geplapper aufgelegt, deshalb höre ich, wie jedes einzelne Härchen herausgerissen wird. Ich muss mich in einer Wanne mit einer dicken, unangenehm riechenden Lotion baden, während mein Gesicht und meine Haare mit Cremes ein gekleistert werden. Dann zwei weitere Bäder mit anderen, nicht so ekelhaften Zusätzen. Ich werde gerupft und geschrubbt und massiert und gesalbt, bis ich mir vorkomme wie ein Hühnchen.

Flavius fasst mir mit einer Hand unters Kinn und seufzt. »Es ist ein Jammer, dass Cinna gesagt hat, bei dir darf nichts verändert werden.«

»Ja, wir könnten wirklich etwas Besonderes aus dir machen«, sagt Octavia.

»Wenn sie älter ist«, sagt Venia fast grimmig. »Dann muss er es erlauben.«

Was? Dass sie meine Lippen aufspritzen wie die von Präsident Snow? Mir die Brüste tätowieren? Meine Haut magenta färben und mir Edelsteine einsetzen? Mir Verzierungen ins Gesicht ritzen? Mir gebogene Krallen verpassen? Oder Schnurrhaare? All das und noch viel mehr habe ich bei verschiedenen Leuten im Kapitol gesehen. Wissen sie wirklich nicht, wie abgedreht das auf andere wirkt?

Die Vorstellung, den Geschmacksverirrungen meines Vorbereitungsteams ausgeliefert zu sein, ist nur eine weitere Sorge von vielen, die mich beschäftigen - mein geschundener Körper, Schlafmangel, die drohende Zwangsehe und der Horror, dass ich die Forderungen von Präsident Snow nicht werde erfüllen können. Als ich zum Mittagessen komme, wo Effie, Cinna, Portia, Haymitch und Peeta schon ohne mich angefangen haben, bin ich zu niedergeschlagen, um zu reden. Sie schwärmen vom Essen und davon, wie wunderbar sie im Zug schlafen können. Alle sind ganz aus dem Häuschen über die Tour der Sieger. Na ja, alle bis auf Haymitch. Er hat einen Kater und knabbert an einem Muffin. Ich habe auch keinen großen Hunger, entweder weil ich heute Morgen zu viel schweres Zeug in mich hineingestopft habe oder weil ich so unglücklich bin. Ich rühre in meiner Brühe herum und esse nur ein, zwei Löffel davon. Ich kann Peeta - meinen zukünftigen Mann - nicht einmal ansehen, obwohl ich weiß, dass er keine Schuld an alldem trägt.

Die anderen merken, dass etwas nicht stimmt, und versuchen mich ins Gespräch einzubeziehen, aber ich bin abweisend. Irgendwann hält der Zug. Unser Kellner berichtet uns, dass es diesmal nicht nur wegen Treibstoff ist - irgendein Zugteil ist defekt und muss ausgetauscht werden. Es wird mindestens eine Stunde dauern. Das bringt Effie in Rage. Sie holt ihren Plan heraus und berechnet, wie diese Verzögerung jedes Ereignis bis zum Ende unseres Lebens beeinflussen wird. Schließlich ertrage ich es nicht mehr, mir das anzuhören.

»Das interessiert doch keinen, Effie!«, sage ich schroff. Alle am Tisch starren mich an, sogar Haymitch, der doch auf meiner Seite sein müsste, weil Effie ihm auf die Nerven geht. Sofort fühle ich mich in die Enge getrieben. »Absolut keinen!«, sage ich, stehe auf und verlasse den Speisewagen.

Auf einmal kommt es mir stickig vor im Zug und mir ist regelrecht mulmig. Ich suche den Ausgang, mache die Tür gewaltsam auf - wobei ich irgendeinen Alarm auslöse, den ich ignoriere - und springe hinaus in der Erwartung, im Schnee zu landen. Doch die Luft fühlt sich warm und mild auf der Haut an. Die Bäume haben noch grüne Blätter. Wie weit südlich sind wir an einem Tag gereist? Ich laufe an den Schienen entlang, blinzele ins grelle Sonnenlicht und bereue schon, was ich zu Effie gesagt habe. Sie kann ich kaum dafür verantwortlich machen, dass ich in der Zwickmühle stecke. Eigentlich müsste ich zurückgehen und mich entschuldigen. Mein Ausbruch war der Gipfel an schlechtem Benehmen und gutes Benehmen ist für Effie sehr wichtig. Doch meine Füße gehen weiter am Gleis entlang, am Ende des Zuges vorbei und immer noch weiter. Eine Stunde Verspätung. Ich kann mindestens zwanzig Minuten in eine Richtung gehen und wieder zurück, dann habe ich trotzdem noch reichlich Zeit. Aber nach ein paar Hundert Metern lasse ich mich auf dem Boden nieder, bleibe dort sitzen und schaue in die Ferne. Wenn ich Pfeil und Bogen hätte, würde ich dann einfach weitergehen?

Nach einer Weile höre ich hinter mir Schritte. Bestimmt Haymitch, der mich zusammenstauchen will. Nicht, dass ich es nicht verdient hätte, aber ich will es trotzdem nicht hören. »Ich bin nicht in der Stimmung für eine Lektion«, sage ich warnend zu dem Gras vor meinen Füßen.

»Ich versuche es kurz zu machen.« Peeta setzt sich neben mich.

»Ich dachte, du wärst Haymitch«, sage ich.

»Nein, der kämpft immer noch mit seinem Muffin.« Ich sehe, wie Peeta seine Prothese in die richtige Position bringt. »Schlechter Tag, was?«

»Es ist nichts«, sage ich.

Er holt tief Luft. »Hör mal, Katniss, ich wollte schon länger mit dir darüber reden, wie ich mich im Zug benommen hab. Ich meine, im letzten Zug - der, mit dem wir nach Hause gefahren sind. Ich wusste, dass zwischen Gale und dir etwas war. Ich war schon eifersüchtig auf ihn, bevor ich dich überhaupt offiziell kennenlernte. Und es war unfair, dich auf das festzunageln, was in den Spielen passiert ist. Das tut mir leid.«

Seine Entschuldigung überrumpelt mich. Es stimmt, dass er mir die kalte Schulter gezeigt hat, nachdem ich ihm gestand, dass ich ihm in der Arena etwas vorgespielt hatte. Aber das werfe ich ihm nicht vor. In der Arena habe ich auf Teufel komm raus den Liebesengel gespielt. Es gab Momente, in denen ich mir nicht sicher war, was ich für ihn empfand. Ich bin mir immer noch nicht so ganz sicher.

»Mir tut es auch leid«, sage ich. Ich weiß nicht so recht, was mir eigentlich leidtut. Vielleicht, dass ich ihn jetzt möglicherweise wirklich zerstören werde.

»Dir braucht überhaupt nichts leidzutun. Du hast nur versucht, uns beiden das Leben zu retten. Aber ich will nicht, dass wir so weitermachen - dass wir uns im richtigen Leben ignorieren und uns dann zusammen in den Schnee fallen lassen, sobald eine Kamera in der Nähe ist. Ich hab mir gedacht, wenn ich nicht mehr so, hm, verletzt bin, dann könnten wir doch versuchen, einfach Freunde zu werden«, sagt er.

Wie es aussieht, sind alle meine Freunde zum Sterben verdammt, aber wenn ich Peeta zurückweise, rettet ihn das auch nicht. »Gut«, sage ich. Nach seinem Angebot geht es mir schon besser. Ich komme mir nicht mehr so verlogen vor. Es wäre schön gewesen, wenn er damit früher herausgerückt wäre - bevor ich erfuhr, dass Präsident Snow anderes im Sinn hat, und die Möglichkeit, einfach Freunde zu sein, zunichtegemacht wurde. Doch zumindest freue ich mich, dass wir wieder miteinander reden.

»Also, was ist los?«, fragt er.

Ich kann es ihm nicht sagen. Ich zupfe am Unkraut.

»Dann fangen wir mit was Einfacherem an. Ist es nicht komisch, dass ich weiß, du würdest dein Leben für mich aufs Spiel setzen … aber deine Lieblingsfarbe nicht kenne?«, sagt er.

Ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. »Grün. Und deine?«

»Orange«, sagt er.

»Orange? Wie Effies Haare?«, frage ich.

»Ein bisschen gedeckter«, erwidert er. »Eher so wie … der Sonnenuntergang.«

Der Sonnenuntergang. Sofort habe ich ein Bild vor Augen, den Rand der untergehenden Sonne, den Himmel, der in warmen Orangetönen gestreift ist. Wunderschön. Ich erinnere mich an den Lilienkeks, und jetzt, da Peeta wieder mit mir redet, fällt es mir schwer, nicht mit der ganzen Geschichte von Präsident Snow herauszuplatzen. Aber ich weiß, dass Haymitch das nicht gut fände. Ich halte mich lieber an unverfängliche Themen.

»Übrigens schwärmen ja alle von deinen Bildern. Schade, dass ich sie nicht gesehen habe«, sage ich.

»Ich hab einen ganzen Waggon voll.« Er steht auf und reicht mir eine Hand. »Komm.«

Das fühlt sich gut an, seine Finger wieder mit meinen verschränkt, nicht für die anderen, sondern aus Freundschaft. Hand in Hand gehen wir zurück zum Zug. An der Tür fällt es mir ein: »Ich muss erst zu Effie und mich entschuldigen.«

»Keine falsche Zurückhaltung«, sagt Peeta.

Als wir wieder im Speisewagen sind, wo die anderen immer noch essen, entschuldige ich mich so überschwänglich bei Effie, dass ich denke, es ist zu viel des Guten, doch für sie reicht es wahrscheinlich gerade eben, um meinen Fauxpas wieder wettzumachen. Immerhin nimmt sie die Entschuldigung gutmütig an. Sie sagt, sie verstehe schon, dass ich unter großem Druck stehe. Und dann redet sie nur ganze fünf Minuten davon, dass sich ja einer um den Zeitplan kümmern müsse. Ich bin also glimpflich davongekommen.

Als Effie fertig ist, gehe ich mit Peeta ein paar Wagen weiter und er zeigt mir seine Bilder. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Größere Versionen der Blumenkekse vielleicht. Aber das hier ist etwas vollkommen anderes. Peeta hat die Spiele gemalt.

Manche Bilder wären für jemanden, der nicht mit ihm in der Arena war, nicht sofort zu deuten. Wasser, das durch die Spalten in unserer Höhle tröpfelt. Der ausgetrocknete Tümpel. Zwei Hände, seine eigenen, die nach Wurzeln graben. Andere Bilder würde jeder Betrachter gleich erkennen. Das goldene Füllhorn. Clove, wie sie Messer in ihrer Jacke verstaut. Eine der Mutationen, unverkennbar die blonde mit den grünen Augen, die Glimmer darstellt; knurrend kommt sie auf uns zu. Und da bin ich. Ich bin überall. Wie ich hoch oben auf einem Baum sitze. Wie ich ein Hemd an die Felsen im Bach schlage. Wie ich bewusstlos in einer Blutlache liege. Ein Bild kann ich nicht einordnen - vielleicht habe ich so ausgesehen, als er hohes Fieber hatte -, da tauche ich aus einem silbergrauen Nebel auf. »Wie findest du sie?«, fragt er.

»Grauenhaft«, sage ich. Ich kann beinahe das Blut riechen, den Dreck, den künstlichen Atem der Mutation. »Ich versuche die ganze Zeit, die Arena zu vergessen, und du erweckst sie wieder zum Leben. Wie kommt es, dass du dich so genau an alles erinnerst?«

»Ich sehe es jede Nacht«, sagt er.

Ich weiß, was er meint. Albträume - die mir schon vor den Spielen nicht fremd waren - plagen mich jetzt immer, wenn ich schlafe. Dagegen ist das altbekannte Bild, das von meinem Vater, wie er in der Mine in Fetzen gerissen wird, selten geworden. Stattdessen erlebe ich verschiedene Variationen der Ereignisse in der Arena. Mein aussichtsloser Versuch, Rue zu retten. Peeta, wie er verblutet. Glimmers aufgedunsener Körper, der sich unter meinen Händen auflöst. Cato, dem die Mutationen ein entsetzliches Ende bereiten. Das sind meine häufigsten Besucher. »Ich auch. Hilft das? Wenn du sie malst?«

»Ich weiß nicht. Ich glaube, ich hab dadurch etwas weniger Angst, abends schlafen zu gehen, jedenfalls sage ich mir das. Aber sie sind nicht verschwunden.«

»Vielleicht verschwinden sie nie. So wie bei Haymitch«, sage ich. Haymitch spricht nicht darüber, aber ganz bestimmt ist das der Grund dafür, dass er nicht im Dunkeln schlafen will.

»Kann sein. Aber für mich ist es besser, mit einem Pinsel in der Hand aufzuwachen als mit einem Messer«, sagt er. »Findest du sie echt grauenhaft?«

»Ja. Aber sie sind außergewöhnlich. Wirklich«, sage ich. Und das stimmt auch. Trotzdem, ich will sie nicht mehr ansehen. »Möchtest du mal mein Talent sehen? Cinna hat das super hingekriegt.«

Peeta lacht. »Später.« Der Zug setzt sich langsam in Bewegung, und durchs Fenster sehe ich, wie das Land an uns vorbeizieht. »Komm, wir sind fast in Distrikt 11. Das schauen wir uns mal an.«

Wir gehen durch bis zum letzten Waggon. Dort gibt es Sessel und Sofas, auf denen man sitzen kann, aber das Beste ist, dass sich die Heckscheiben so hochschieben lassen, dass man im Freien fährt, an der frischen Luft, und man kann weit in die Landschaft blicken. Endlose Felder, auf denen Rinderherden weiden. So ganz anders als unsere dicht bewaldete Heimat. Der Zug verlangsamt die Fahrt, und ich denke schon, dass wir gleich wieder halten, als sich vor uns ein Zaun erhebt. Er ist mindestens zehn Meter hoch und oben mit gemeinem Stacheldraht versehen - dagegen wirkt unser Zaun in Distrikt 12 geradezu läppisch. Schnell nehme ich den unteren Teil des Zauns in Augenschein, der aus gewaltigen Metallplatten besteht. Dort könnte man nicht drunter durchschlüpfen, sich nicht davonstehlen, um zu jagen. Dann sehe ich die Wachtürme, sie sind in gleichmäßigem Abstand aufgestellt und mit bewaffneten Wachen versehen. In dem Feld mit Wildblumen wirken sie fehl am Platz.

»Es ist ganz anders hier«, sagt Peeta.

Rue hatte mir bereits den Eindruck vermittelt, dass in Distrikt 11 die Regeln härter durchgesetzt werden. Aber so etwas hätte ich mir nie vorgestellt.

Jetzt fangen die Felder an, sie reichen, so weit das Auge blicken kann. Männer, Frauen und Kinder mit Strohhüten gegen die Sonne richten sich auf, drehen sich zu uns, recken einen Moment lang den Rücken und schauen dem vorbeifahrenden Zug nach. In der Ferne sehe ich Obstplantagen, und ich frage mich, ob Rue dort wohl gearbeitet hat, ob sie dort die Früchte von den zartesten Ästen ganz oben im Baum gepflückt hat. Kleine Ansiedlungen von Hütten hier und dort - im Vergleich zu ihnen sind die Häuser im Saum nobel -, doch sie sind alle verlassen. Für die Ernte werden wohl alle Hände gebraucht.

Es nimmt gar kein Ende. Ich kann kaum fassen, wie groß Distrikt 11 ist. »Was glaubst du, wie viele Leute hier leben?«, fragt Peeta. Ich schüttele den Kopf. In der Schule haben wir nur gelernt, dass es ein großer Distrikt ist, mehr nicht. Keine konkreten Bevölkerungszahlen. Aber die jungen Leute, die wir jedes Jahr in den Übertragungen sehen, wie sie auf die Auslosung der Tribute warten, können nur ein kleiner Teil derer sein, die hier leben. Wie machen sie das? Treffen sie eine Vorauswahl? Losen sie die Teilnehmer im Vorhinein aus und sorgen dafür, dass sie unter den Zuschauern sind? Wie kam es dazu, dass Rue auf der Bühne landete, niemand bei ihr, der ihren Platz hätte einnehmen können, nur der Wind?

Die Weite ermüdet mich allmählich, die Endlosigkeit der Landschaft. Als Effie kommt und sagt, wir sollen uns umziehen, protestiere ich nicht. Ich begebe mich in mein Abteil und lasse mich vom Vorbereitungsteam frisieren und schminken. Cinna kommt mit einem hübschen Kleid herein, orange mit einem Herbstblattmuster. Die Farbe wird Peeta gefallen.

Effie ruft Peeta und mich zu sich und erklärt uns noch ein letztes Mal den Tagesablauf. In manchen Distrikten fahren die Sieger durch die Stadt, während die Bewohner ihnen zujubeln. Doch in Distrikt 11 ist unser Auftritt auf den Hauptplatz beschränkt - vielleicht, weil es keine nennenswerte Stadt gibt, nur einzelne Siedlungen, oder vielleicht, weil sie während der Erntezeit nicht so viele Leute erübrigen wollen. Der Auftritt findet vor dem Justizgebäude statt, einem riesigen Marmorbau. Er muss einmal sehr prächtig gewesen sein, aber die Spuren der Zeit sind unübersehbar. Selbst im Fernsehen kann man erkennen, dass die bröckelnde Fassade von Efeu überwuchert und das Dach eingesunken ist. Der Platz selbst ist von heruntergekommenen Läden gesäumt, die meisten Geschäfte sind aufgegeben. Wo auch immer die Gutsituierten in Distrikt 11 leben, hier jedenfalls nicht.

Unsere Vorstellung wird auf dem Ding stattfinden, das Effie als Veranda bezeichnet, einer gefliesten Fläche zwischen dem Eingang und der Treppe, beschattet von einem Säulendach. Erst sollen Peeta und ich vorgestellt werden, dann wird der Bürgermeister von Distrikt 11 uns zu Ehren eine Rede verlesen, und wir antworten mit einem Dank, der vom Kapitol schon vorgefertigt wurde. Hatte ein Sieger Verbündete unter den toten Tributen, wird es als guter Stil betrachtet, ein paar persönliche Worte hinzuzufügen. Ich müsste eigentlich etwas über Rue sagen und auch über Thresh, doch jedes Mal, wenn ich zu Hause versucht habe, etwas zu schreiben, starrte mich ein leeres Blatt Papier an. Es fällt mir schwer, über sie zu sprechen, ohne die Fassung zu verlieren. Zum Glück hat Peeta einen kurzen Text vorbereitet, der mit ein paar kleinen Änderungen für uns beide gelten kann. Am Ende der Feierlichkeiten bekommen wir irgendeine Tafel überreicht, und dann können wir uns ins Justizgebäude begeben, wo ein Festessen gegeben wird.

Während der Zug in den Bahnhof von Distrikt 11 einfährt, ändert Cinna ein paar letzte Feinheiten an meinem Outfit. Er tauscht das orangefarbene Haarband gegen eines in Goldmetallic und steckt mir die Spotttölpelbrosche, die ich in der Arena getragen habe, ans Kleid. Auf dem Bahnsteig steht kein Empfangskomitee, nur eine Gruppe von acht Friedenswächtern, die uns in den hinteren Teil eines gepanzerten Wagens führen. Effie rümpft die Nase, als die Tür hinter uns zuknallt. »Also wirklich, als ob wir alle Verbrecher wären«, sagt sie.

Nicht wir alle, Effie, denke ich. Nur ich.

Auf der Rückseite des Justizgebäudes werden wir aus dem Wagen gelassen, und dann sollen wir schnell hineingehen. Ich rieche, dass ein köstliches Mahl bereitet wird, aber das kann die Gerüche von Muff und Fäulnis nicht ausblenden. Sie haben uns keine Zeit gelassen, uns umzuschauen. Während wir auf dem kürzesten Weg zum Eingang gehen, höre ich, wie draußen auf dem Platz die Nationalhymne angestimmt wird. Jemand klemmt mir ein Mikrofon an. Peeta nimmt meine linke Hand. Der Bürgermeister stellt uns vor, während die gewaltige Tür ächzend aufgeht.

»Strahlendes Lächeln!«, sagt Effie und stößt uns an. Wir bewegen die Füße vorwärts.

Jetzt. Jetzt muss ich alle überzeugen, wie verliebt ich in Peeta bin, denke ich. Die feierliche Zeremonie ist ziemlich straff geplant, und ich weiß nicht, wie ich es anstellen soll. Es ist nicht die passende Situation für einen Kuss, doch vielleicht kann ich einen unterbringen.

Es gibt lauten Applaus, aber keine Jubelrufe, Jauchzer und Pfiffe wie im Kapitol. Wir gehen über die schattige Veranda, bis das Dach zu Ende ist und wir auf einer breiten Marmortreppe in der grellen Sonne stehen. Als meine Augen sich an das Licht gewöhnt haben, sehe ich, dass die Häuser mit Flaggen geschmückt sind, die ihren heruntergekommenen Zustand ein wenig kaschieren. Es ist rappelvoll auf dem Platz, aber das ist nur ein Bruchteil der Menschen, die hier leben.

Wie üblich ist unterhalb der Bühne für die Familien der toten Tribute ein eigenes Podium errichtet worden. Auf Threshs Seite stehen nur eine alte, bucklige Frau und ein großes, muskulöses Mädchen, bestimmt seine Schwester. Auf Rues Seite … Ich bin auf Rues Familie nicht vorbereitet. Ihre Eltern, die Trauer noch frisch in den Gesichtern. Die fünf jüngeren Geschwister, die ihr so ähnlich sehen. Der zarte Knochenbau, die leuchtend braunen Augen. Wie ein Schwärm kleiner dunkler Vögel.

Der Applaus verebbt und der Bürgermeister hält die Rede auf uns. Zwei kleine Mädchen kommen mit gigantischen Blumensträußen. Peeta sagt seine vorgefertigten Worte, und ich merke, wie ich die Lippen bewege, um das Ende zu sprechen. Zum Glück haben meine Mutter und Prim sie mir so eingetrichtert, dass ich sie im Schlaf singen könnte.

Peeta hat seine persönlichen Kommentare auf eine Karte geschrieben, aber er holt sie nicht hervor. Stattdessen erzählt er in seiner einfachen, gewinnenden Art, wie Thresh und Rue unter die letzten acht gekommen sind, wie sie mir das Leben gerettet haben - und damit auch ihm - und dass wir das nie wiedergutmachen können. Dann zögert er, bevor er etwas hinzufügt, das nicht auf der Karte steht. Vielleicht, weil er dachte, dass Effie ihm nicht erlauben würde, es zu sagen. »Auch wenn es in keiner Weise Ihren Verlust ersetzen kann, möchten wir zum Zeichen unseres Danks den Familien der Tribute aus Distrikt 11 zeit unseres Lebens jedes Jahr einen Monatsanteil unseres Preises zukommen lassen.«

Unwillkürlich halten die Zuschauer die Luft an und sprechen leise miteinander. Was Peeta getan hat, ist ohne Beispiel. Ich weiß nicht einmal, ob es legal ist. Das weiß er vermutlich auch nicht, deshalb hat er lieber gar nicht erst gefragt. Die beiden Familien starren uns nur sprachlos an. Ihr Leben hat sich für immer verändert, als sie Thresh und Rue verloren haben, doch dieses Geschenk wird es erneut verändern. Von dem Monatspreis eines Tributs kann eine Familie mühelos ein Jahr lang leben. Solange wir leben, werden sie keinen Hunger leiden.

Ich schaue zu Peeta und er lächelt mich traurig an. Ich habe Haymitchs Stimme im Ohr: »Du könntest es viel schlechter treffen.« In diesem Augenblick ist es unmöglich, sich vorzustellen, wie ich es besser treffen könnte. Das Geschenk … es ist großartig. Als ich mich auf die Zehenspitzen stelle und ihn küsse, wirkt das kein bisschen gezwungen.

Der Bürgermeister kommt zu uns und überreicht jedem von uns eine Tafel, so groß, dass ich meinen Blumenstrauß ablegen muss, um sie zu halten. Die Zeremonie ist schon fast vorüber, als ich merke, wie eine von Rues Schwestern mich anstarrt. Sie muss etwa neun sein und ist fast Rues Ebenbild, sie steht sogar genauso da, die Arme leicht abgespreizt. Trotz der guten Neuigkeiten über den Preis wirkt sie nicht froh. Im Gegenteil, sie schaut mich vorwurfsvoll an. Ist es, weil ich Rue nicht gerettet habe?

Nein. Es ist, weil ich ihr immer noch nicht gedankt habe, denke ich.

Eine Welle der Scham überspült mich. Das Mädchen hat recht. Wie kann ich stumm und tatenlos dastehen und Peeta alles sagen lassen? Wäre Rue die Siegerin gewesen, hätte sie meinen Tod niemals sang-und klanglos hingenommen. Ich denke daran, wie ich sie in der Arena mit Blumen bedeckt habe, wie wichtig es mir war, dass ihr Tod nicht unbemerkt blieb. Doch diese Geste bedeutet gar nichts, wenn ich sie jetzt nicht untermauere.

»Warten Sie!« Ich stolpere nach vorn, drücke die Tafel an die Brust. Ich habe meine Redezeit verstreichen lassen, doch jetzt muss ich etwas sagen. Das bin ich Rue einfach schuldig. Selbst wenn ich meinen Preis ganz den Familien überlassen hätte, wäre das keine Entschuldigung für mein Schweigen am heutigen Tag. »Bitte warten Sie.« Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, aber als ich erst einmal rede, strömen mir die Worte aus dem Mund, als hätte ich sie schon lange im Kopf gehabt.

»Ich möchte den Tributen von Distrikt 11 danken«, sage ich. Ich schaue zu den beiden Frauen auf Threshs Seite. »Ich habe nur ein einziges Mal mit Thresh gesprochen. Für ihn hat das ausgereicht, um mich zu verschonen. Ich kannte ihn nicht, aber ich hatte immer Hochachtung vor ihm. Vor seiner Stärke. Weil er die Spiele nach seinen eigenen Regeln gespielt hat und sich nichts hat aufzwingen lassen. Die Karrieros wollten ihn von Anfang an auf ihre Seite ziehen, aber er wollte nicht. Dafür hatte er meine Hochachtung.«

Zum ersten Mal hebt die bucklige Frau - ist sie Threshs Großmutter? - den Kopf und ein leises Lächeln umspielt ihre Lippen.

Im Publikum ist es jetzt still geworden, so still, dass ich mich frage, wie das überhaupt möglich ist. Sie müssen alle den Atem anhalten.

Ich wende mich zu Rues Familie. »Bei Rue jedoch habe ich das Gefühl, sie zu kennen, und sie wird immer bei mir sein. Alles Schöne erinnert mich an sie. Ich sehe sie in den gelben Blumen, die auf der Weide an meinem Haus wachsen. Ich sehe sie in den Spotttölpeln, die auf den Bäumen singen. Doch vor allem sehe ich sie in meiner Schwester, Prim.« Meine Stimme ist wacklig, aber ich habe es fast geschafft. »Ich danke euch für eure Kinder.« Ich hebe das Kinn, als ich mich an das Publikum wende. »Und ich danke euch allen für das Brot.«

Ich stehe da, fühle mich gebrochen und klein, zahllose Blicke sind auf mich gerichtet. Sehr lange bleibt es still. Dann pfeift jemand aus der Menge Rues Spotttölpelmelodie. Die vier Töne, mit denen in den Obstplantagen das Ende des Arbeitstages eingeläutet wurde. In der Arena bedeuteten sie Sicherheit. Als die Melodie verklingt, sehe ich, woher der Pfiff kam: von einem hutzligen alten Mann in einem verblichenen roten Hemd und Latzhose. Unsere Blicke treffen sich.

Was dann passiert, ist kein Zufall. Es vollzieht sich so vollkommen synchron, dass es unmöglich ein spontaner Akt sein kann. Jeder Einzelne im Publikum legt die drei mittleren Finger der linken Hand auf die Lippen und streckt sie dann zu mir aus. Das ist unser Zeichen aus Distrikt 12, mein letzter Abschiedsgruß an Rue in der Arena.

Hätte es das Gespräch mit Präsident Snow nicht gegeben, würde diese Geste mich womöglich zu Tränen rühren. Doch da ich seinen Befehl, die Distrikte zu beruhigen, noch in den Ohren habe, erfüllt sie mich mit Furcht. Was wird er von diesem öffentlichen Gruß an das Mädchen halten, das dem Kapitol die Stirn geboten hat?

Auf einmal wird mir klar, was ich da getan habe. Ohne dass es meine Absicht war - ich wollte nur meine Dankbarkeit ausdrücken -, habe ich etwas Gefährliches ausgelöst. Einen Akt des Widerstands in Distrikt 11. Genau das, was ich verhindern soll!

Ich überlege, womit ich das Geschehene zunichtemachen, es widerlegen könnte, doch da wird mit einem leichten Knacken mein Mikrofon abgeschaltet, und der Bürgermeister ergreift das Wort. Peeta und ich nehmen noch einen letzten Applaus in Empfang. Er führt mich zurück zur Tür, er merkt gar nicht, dass etwas nicht stimmt.

Mir ist ganz komisch und ich muss einen Augenblick stehen bleiben. Kleine Lichtfetzen tanzen vor meinen Augen. »Alles in Ordnung?«, fragt Peeta.

»Nur ein bisschen schwindelig. Die Sonne war so grell«, sage ich. Ich sehe seinen Blumenstrauß. »Ich hab meine Blumen vergessen«, murmele ich.

»Ich hol sie«, sagt er.

»Das mach ich schon«, sage ich.

Hätte ich die Blumen nicht vergessen, wäre ich nicht stehen geblieben, dann wären wir jetzt wohlbehalten im Justizgebäude. Stattdessen sehe ich von der schattigen Veranda aus alles mit an.

Zwei Friedenswächter ziehen den alten Mann, der gepfiffen hat, hinauf auf die Treppe. Zwingen ihn vor der Menge auf die Knie. Und jagen ihm eine Kugel in den Kopf.

5

Der Mann ist gerade erst auf dem Boden zusammengesunken, als eine Wand aus weißen Friedenswächtern uns die Sicht versperrt. Mehrere Soldaten haben ihre Maschinengewehre auf uns gerichtet, während sie uns zurück zur Tür schieben.

»Wir gehen ja schon!«, sagt Peeta und schubst den Friedenswächter, der mich bedrängt, weg. »Wir haben verstanden, okay? Komm, Katniss.«

Er legt mir einen Arm um die Schultern und führt mich zurück ins Justizgebäude. Der Friedenswächter folgt uns im Abstand von ein oder zwei Schritten. Kaum sind wir drin, schlägt die Tür zu, und wir hören die Stiefel des Friedenswächters, der zurück zu der Menge geht.

Auf dem Bildschirm, der an der Wand angebracht ist, sieht man nur ein Grieselbild. Darunter warten Haymitch, Effie, Portia und Cinna mit ängstlichen, angespannten Gesichtern.

»Was ist passiert?« Effie kommt schnell auf uns zu. »Nach Katniss’ wundervoller Rede hatten wir keinen Empfang mehr, und dann meinte Haymitch, er hätte einen Schuss gehört. Ich hab gesagt, das kann nicht sein, aber wer weiß? Es gibt ja überall Verrückte!«

»Es ist nichts passiert, Effie. Ein alter Lkw hatte eine Fehlzündung«, sagt Peeta ruhig.

Noch zwei Schüsse. Sie werden durch die Tür kaum gedämpft. Für wen waren die? Threshs Großmutter? Eine von Rues kleinen Schwestern?

»Ihr beide. Kommt mit«, sagt Haymitch. Peeta und ich folgen ihm und lassen die anderen zurück. Jetzt, da wir im Gebäude in Sicherheit sind, interessieren sich die Friedenswächter, die um das Justizgebäude herum aufgestellt sind, nicht mehr sonderlich für unser Treiben. Wir gehen eine prächtige marmorne Wendeltreppe hinauf. Oben liegt ein langer Flur, der mit einem abgetretenen Teppich ausgelegt ist. Eine Flügeltür steht offen und lockt uns in das erste Zimmer. Die Wände sind bestimmt sieben Meter hoch. An der Decke Stuck mit Früchten und Blumen, kleine Putten mit Flügeln schauen aus allen Ecken auf uns herab. Vasen mit Blüten verströmen einen süßlichen Duft, von dem mir die Augen jucken. Unsere Abendkleider hängen an einer Garderobe an der Wand. Der Raum ist für uns vorbereitet, doch wir haben kaum unsere Geschenke abgelegt, als Haymitch uns die Mikrofone von der Brust reißt, sie hinter ein Sofakissen stopft und uns weiterwinkt.

Soweit ich weiß, ist Haymitch erst ein Mal hier gewesen, bei seiner eigenen Siegertour vor mehreren Jahrzehnten. Doch entweder hat er ein bemerkenswertes Gedächtnis oder zuverlässige Instinkte, denn er führt uns durch ein Labyrinth aus gewundenen Treppenhäusern und immer schmaler werdenden Fluren. Manchmal muss er stehen bleiben und eine Tür mit Gewalt öffnen. An dem widerstrebenden Quietschen der Angeln merkt man, dass die Türen lange nicht geöffnet wurden. Schließlich steigen wir eine Leiter zu einer Falltür hoch. Als Haymitch sie zur Seite schiebt, finden wir uns in der Kuppel des Justizgebäudes wieder. Sic ist riesig und vollgestopft mit kaputten Möbeln, Bücherstapeln, Balken und rostigen Waffen. Alles ist mit einer dicken Staubschicht bedeckt, hier ist seit Jahren nichts passiert. Durch vier schmuddelige quadratische Fenster rund um die Kuppel versucht sich das Licht hindurchzukämpfen. Haymitch schließt die Falltür mit dem Fuß und schaut uns an. »Was ist los?«, fragt er.

Peeta erzählt alles, was auf dem Platz geschehen ist. Der Pfiff, der Gruß, unser Zögern auf der Veranda, der Mord an dem alten Mann. »Was hat das zu bedeuten, Haymitch?«

»Das kannst besser du erzählen«, sagt Haymitch zu mir.

Das sehe ich anders. Ich glaube, es ist viel schlimmer, wenn ich es erzähle. Aber ich erkläre Peeta alles, so ruhig ich kann. Ich erzähle von Präsident Snow, von den Unruhen in den Distrikten. Nicht einmal den Kuss von Gale lasse ich aus. Ich erkläre, dass wir alle in Gefahr sind, dass das ganze Land in Gefahr ist wegen meines Beerentricks. »Auf dieser Tour sollte ich alles wieder geraderücken. Alle, die Zweifel hatten, sollte ich davon überzeugen, dass ich aus Liebe gehandelt habe. Damit sich die Lage wieder beruhigt. Stattdessen hab ich heute erreicht, dass sie drei Menschen getötet haben, und jetzt werden alle auf dem Platz bestraft.« Mir ist so elend, dass ich mich auf ein Sofa setzen muss, auch wenn die Sprungfedern und die Füllung herausgucken.

»Dann hab ich auch alles noch schlimmer gemacht. Indem ich ihnen das Geld geschenkt habe«, sagt Peeta. Plötzlich schlägt er so fest gegen eine Lampe, die wacklig auf einer Kiste steht, dass sie quer durch das Zimmer fliegt. Klirrend fällt sie zu Boden. »Damit muss Schluss sein! Auf der Stelle! Mit diesem … diesem Spiel, das ihr beide da spielt, dass ihr euch Geheimnisse erzählt, aus denen ihr mich raushaltet, als wäre ich zu unwichtig oder zu blöd oder zu schwach, um damit fertigzuwerden.«

»So ist es nicht, Peeta …«, setze ich an.

»Genau so ist es!«, brüllt er. »Ich hab auch Menschen, die mir am Herzen liegen, Katniss! Freunde und Verwandte in Distrikt 12, die genauso tot sein werden wie deine, wenn wir diese Geschichte nicht hinkriegen. Nach allem, was wir in der Arena zusammen durchgemacht haben, hab ich da nicht wenigstens die Wahrheit verdient?«

»Bei dir kann man sich immer darauf verlassen, dass du deine Sache gut machst, Peeta«, sagt Haymitch. »Du weißt genau, wie du dich vor der Kamera darstellen musst. Das wollte ich nicht stören.«

»Also, da hast du mich aber überschätzt. Denn heute hab ich’s ja gründlich vermasselt. Was glaubst du, was jetzt mit Rues und Threshs Familien passiert? Meinst du, sie bekommen ihren Anteil an unserem Preis? Meinst du, ich hab ihnen eine strahlende Zukunft gesichert? Ich glaub, die können froh sein, wenn sie den Tag überleben!« Peeta schleudert noch etwas durchs Zimmer, eine Skulptur. So habe ich ihn noch nie erlebt.

»Haymitch, er hat recht«, sage ich. »Es war ein Fehler, dass wir es ihm nicht gesagt haben. Auch schon im Kapitol.«

»Selbst in der Arena hattet ihr beide schon ein spezielles System, oder?«, fragt Peeta. Er klingt jetzt ruhiger. »Und ich war nicht eingeweiht.«

»Nein, das stimmt nicht. Jedenfalls nicht offiziell. Ich hab nur daran, was Haymitch mir geschickt oder nicht geschickt hat, gemerkt, was er von mir wollte«, sage ich.

»Tja, die Chance hatte ich nicht. Mir hat er nämlich nie irgendwas geschickt, bis du aufgetaucht bist«, sagt Peeta.

Darüber habe ich noch gar nicht groß nachgedacht. Wie es auf Peeta gewirkt haben muss, als ich in der Arena auftauchte und Brandsalbe und Brot bekommen hatte, während er, der an der Schwelle zum Tod stand, leer ausgegangen war. Als hielte Haymitch mich auf Peetas Kosten am Leben.

»Hör mal, Junge …«, setzt Haymitch an.

»Spar dir den Atem, Haymitch. Mir ist schon klar, dass du dich für einen von uns entscheiden musstest. Und ich hätte selbst gewollt, dass du dich für sie entscheidest. Aber das hier ist was anderes. Da draußen sind Menschen gestorben. Und wenn wir es nicht sehr geschickt anstellen, wird es weitere Tote geben. Wir wissen alle, dass ich vor der Kamera besser bin als Katniss. Mit mir braucht keiner meine Rolle zu üben. Aber ich will wissen, worauf ich mich einlasse«, sagt Peeta.

»Ab jetzt werde ich dich immer auf dem Laufenden halten«, verspricht Haymitch.

»Das will ich dir auch geraten haben«, sagt Peeta. Er schaut mich noch nicht mal an, als er aus dem Zimmer geht.

Der Staub, den er aufgewirbelt hat, sinkt an anderen Stellen hinab. Auf meine Haare, meine Augen, meine glänzende Goldbrosche.

»Hattest du dich wirklich für mich entschieden, Haymitch?«, frage ich. »Ja«, sagt er.

»Warum? Du kannst ihn doch besser leiden.« »Das stimmt. Aber überleg mal - bevor sie die Regeln geändert haben, konnte ich nur darauf hoffen, einen von euch lebend da rauszuholen«, sagt er. »Und da er entschlossen war, dich zu beschützen, dachte ich mir, zu dritt schaffen wir es vielleicht, dich nach Hause zu holen.«

»Ach so.« Mehr bringe ich nicht heraus.

»Da siehst du, was für Entscheidungen du mal treffen musst. Wenn wir hier lebend rauskommen«, sagt Haymitch. »Du wirst es noch lernen.«

Nun ja, eins habe ich heute auf jeden Fall gelernt. Das hier ist keine größere Version von Distrikt 12. Unser Zaun ist unbewacht und steht selten unter Strom. Unsere Friedenswächter sind zwar lästig, aber nicht so brutal. Die Schwierigkeiten bei uns lösen eher Erschöpfung aus als Wut. Hier in Distrikt 11 leiden die Menschen größere Not und sie sind verzweifelter. Präsident Snow hat recht. Ein Funke könnte ausreichen, um sie zu entflammen.

Für mich geht jetzt alles so schnell, dass ich nicht mehr mitkomme. Die Warnung, die Schüsse, die Erkenntnis, dass ich vielleicht etwas sehr Folgenschweres in Gang gesetzt habe. Das ist alles so absurd. Es wäre etwas anderes, wenn ich geplant hätte, Unruhe zu stiften, aber so … Wie hab ich es bloß geschafft, so ein Chaos anzurichten?

»Komm schon. Wir dürfen beim Abendessen nicht fehlen«, sagt Haymitch.

Ich bleibe so lange unter der Dusche, bis sie mich rufen, weil ich noch angekleidet werden muss. An dem Vorbereitungsteam scheinen die Ereignisse des Tages vollkommen vorbeigegangen zu sein. Sie freuen sich alle auf das Abendessen. In den Distrikten sind sie wichtig genug, um dabei sein zu dürfen, im Kapitol werden sie fast nie zu den entscheidenden Partys eingeladen. Während sie darüber spekulieren, was es wohl zu essen gibt, sehe ich immer noch den alten Mann vor mir, wie ihm der Kopf weggesprengt wird. Ich achte gar nicht darauf, was sie mit mir anstellen, bis ich fertig bin und mich im Spiegel anschaue. Ein trägerloses zartrosa Kleid fällt mir bis auf die Schuhe. Meine Haare sind zurückgesteckt und kringeln sich auf meinem Rücken.

Cinna kommt von hinten zu mir und legt mir eine silbern schimmernde Stola um die Schultern. Er fängt meinen Blick im Spiegel auf. »Gefällt es dir?«

»Es ist wunderschön. Wie immer«, sage ich.

»Zeig mal, wie es mit einem Lächeln aussieht«, sagt er freundlich. Das ist seine Art, mich daran zu erinnern, dass gleich die Kameras wieder dabei sein werden. Ich schaffe es, die Mundwinkel hochzuziehen. »Na also.«

Als wir uns alle treffen, um zum Essen zu gehen, merke ich, dass Effie verstimmt ist. Bestimmt hat Haymitch ihr nicht erzählt, was auf dem Platz passiert ist. Ich würde mich nicht wundern, wenn Cinna und Portia Bescheid wüssten, doch es scheint ein unausgesprochenes Einverständnis darüber zu geben, dass man schlechte Nachrichten besser von Effie fernhält. Es dauert jedoch nicht lange, bis sie von dem Problem Wind bekommt.

Sie geht den Plan für den Abend durch, dann fegt sie das Blatt beiseite. »Und dann können wir endlich wieder in den Zug und weg von hier«, sagt sie.

»Stimmt irgendwas nicht, Effie?«, fragt Cinna.

»Es gefällt mir nicht, wie wir hier behandelt werden. Wie sie uns in Lastwagen pferchen und von der Bühne drängen. Und dann hab ich mich vor etwa einer Stunde mal im Justizgebäude umgeschaut. Ich verstehe ja eine ganze Menge von Architektur«, sagt sie.

»Ach ja, davon hab ich schon gehört«, sagt Portia, bevor das Schweigen zu lange andauert.

»Also hab ich mich ein bisschen umgeschaut, weil Distriktruinen in diesem Jahr total angesagt sind. Da kamen zwei Friedenswächter und haben mich zurück in unsere Wohnung geschickt. Einer hat mir sogar das Gewehr an die Brust gehalten!«, sagt Effie.

Das nehme ich als unmittelbare Reaktion darauf, dass Haymitch, Peeta und ich uns zuvor aus dem Staub gemacht hatten. Immerhin hat der Gedanke, dass Haymitch recht hatte, etwas Beruhigendes. Dass niemand die verstaubte Kuppel überwachen würde, wo wir miteinander geredet haben. Obwohl sie das ab jetzt ganz bestimmt tun werden.

Effie sieht so bekümmert aus, dass ich sie spontan umarme. »Das ist ja schrecklich, Effie. Vielleicht sollten wir gar nicht zu dem Essen gehen. Wenigstens, bis sie sich entschuldigt haben.« Ich weiß, dass sie nie zustimmen würde, aber bei dem Vorschlag bessert sich ihre Laune erheblich, sie fühlt sich ernst genommen.

»Nein, ich schaff das schon. Mit Höhen und Tiefen fertigzuwerden, gehört zu meinem Job. Und ihr zwei dürft nicht um euer Abendessen kommen. Aber danke für das Angebot, Katniss.«

Effie stellt uns für unseren Auftritt auf. Erst die Vorbereitungsteams, dann sie, die Stylisten und Haymitch. Peeta und ich kommen natürlich zum Schluss.

Irgendwo unten fangen Musiker an zu spielen. Als die Spitze unserer kleinen Prozession die Treppe hinuntergeht, fassen Peeta und ich uns bei den Händen.

»Haymitch sagt, ich hätte dich nicht anbrüllen dürfen. Du hast nur seine Anweisungen befolgt«, sagt Peeta. »Und es ist ja nicht so, als hätte ich in der Vergangenheit nicht auch mal etwas vor dir verborgen.«

Ich erinnere mich an den Schock, als Peeta vor ganz Panem seine Liebe zu mir gestand. Haymitch hatte davon gewusst und mir nichts gesagt. »Ich glaube, nach dem Interview damals hab ich auch das eine oder andere demoliert«, sage ich.

»Nur einen Blumenkübel«, erwidert er.

»Und deine Hände. Aber jetzt haben wir das nicht mehr nötig, oder? Unaufrichtig zueinander zu sein«, sage ich.

»Nein«, sagt Peeta. Wir stehen oben auf der Treppe und lassen Haymitch fünfzehn Stufen Vorsprung, wie Effie gesagt hat. »War es wirklich das einzige Mal, dass du Gale geküsst hast?«

Ich bin so perplex, dass ich ihm antworte. »Ja.« Hat ihn diese Frage tatsächlich gequält, nach all dem, was heute passiert ist?

»Fünfzehn. Los jetzt«, sagt er.

Ein Scheinwerfer trifft uns und ich setze mein breitestes Lächeln auf.

Wir gehen die Treppe hinunter und begeben uns in den Sog aus immer gleichen Abendessen, Festlichkeiten und Zugfahrten. Jeden Tag dasselbe. Aufwachen. Anziehen. Durch jubelnde Menschenmengen fahren. Eine Rede auf uns anhören. Mit einer Dankesrede antworten, aber nur mit der, die das Kapitol vorgegeben hat, keine persönlichen Worte mehr. Manchmal eine kleine Rundfahrt: ein kurzer Blick auf das Meer in dem einen Distrikt, riesige Wälder in einem anderen, hässliche Fabriken, Weizenfelder, stinkende Raffinerien. Abendgarderobe anziehen. Festessen. Zum Zug.

Während der Feierlichkeiten sind wir immer ernst und respektvoll, aber ständig in Kontakt, mit den Händen oder mit den Armen. Beim Abendessen sind wir halb wahnsinnig vor Liebe zueinander. Wir küssen uns, wir tanzen, lassen uns dabei erwischen, wie wir uns zu zweit davonstehlen wollen. Im Zug leiden wir stumm, während wir uns unsere Wirkung ausmalen.

Selbst ohne persönliche Ansprachen, die das Volk aufrühren könnten - überflüssig zu erwähnen, dass unsere Reden in Distrikt 11 vor der Ausstrahlung herausgeschnitten wurden -, ist zu spüren, dass etwas in der Luft liegt, wie das Brodeln in einem Topf, der jeden Moment überzukochen droht. Nicht überall. Mancherorts macht das Publikum den Eindruck einer müden Viehherde, wie er auch in Distrikt 12 bei den Siegesfeierlichkeiten für gewöhnlich vorherrscht. Doch anderswo - besonders in den Distrikten 8, 4 und 3 - zeigt sich Begeisterung in den Gesichtern der Menschen, als sie uns sehen, und unter der Begeisterung lauert Wut. Wenn sie meinen Namen skandieren, ist das eher ein Ruf nach Rache als ein Jubeln. Wenn die Friedenswächter einschreiten, um die aufmüpfige Menge zu beruhigen, leistet sie eher Widerstand, als dass sie sich zurückzieht. Und ich weiß, dass ich dagegen machtlos bin. Kein Liebestheater, und wäre es noch so glaubwürdig, könnte diese Welle aufhalten. Wenn es ein Akt des zeitweiligen Wahnsinns von mir war, Peeta diese Beeren hinzuhalten, dann sind diese Leute auch zum Wahnsinn bereit.

Cinna muss meine Kleider um die Taille herum enger machen. Das Vorbereitungsteam ist besorgt wegen der Ringe unter meinen Augen. Effie gibt mir Schlaftabletten, doch sie helfen nicht. Jedenfalls nicht gut genug. Ich döse ein, um aus Albträumen aufzuschrecken, die häufiger und schlimmer geworden sind. Einmal hört Peeta, der nachts durch den Zug wandert, mich schreien, während ich mich aus dem Schleier der Medikamente zu kämpfen versuche, die die schlimmen Träume nur verlängern. Er schafft es, mich wach zu rütteln und zu beruhigen. Dann kommt er zu mir ins Bett und hält mich in den Armen, bis ich wieder eingeschlafen bin. Von da an weigere ich mich, die Tabletten zu schlucken. Aber ich lasse ihn jede Nacht in mein Bett. Wir überstehen die Dunkelheit wie in der Arena, aneinandergeschmiegt, immer auf der Hut vor Gefahren, die überall lauern können. Weiter passiert nichts, aber schon bald wird im Zug über unser Arrangement geklatscht.

Als Effie mir davon erzählt, denke ich: Gut so. Vielleicht dringt es ja bis zu Präsident Snow durch. Ich sage ihr, wir würden versuchen, ein wenig diskreter zu sein, aber wir denken gar nicht daran.

Die Auftritte in Distrikt 2 und dann in 1 sind auf ihre ganz eigene Weise grauenhaft. Cato und Clove, die beiden Tribute aus Distrikt 2, hätten es beide nach Hause schaffen können, wenn Peeta und ich nicht gewonnen hätten. Das Mädchen aus Distrikt 1, Glimmer, und den Jungen habe ich persönlich umgebracht. Während ich versuche, seine Familie nicht anzusehen, erfahre ich, dass er Marvel hieß. Wie ist es möglich, dass ich das nicht wusste? Wahrscheinlich habe ich vor den Spielen nicht darauf geachtet und hinterher wollte ich es gar nicht mehr wissen.

Als wir im Kapitol ankommen, sind wir verzweifelt. Wir haben endlose Auftritte vor einem Publikum, das uns anhimmelt. Hier besteht keine Gefahr eines Aufstands, hier bei den Privilegierten, bei denen, deren Namen zur Ernte nie in die Lostrommel wandern, deren Kinder nie für die vermeintlichen Verbrechen sterben, die vor Generationen begangen wurden. Im Kapitol brauchen wir niemanden von unserer Liebe zu überzeugen, wir klammern uns nur an die schwache Hoffnung, ein paar Zweifler in den Distrikten zu erreichen. Was wir auch tun, es kommt uns zu wenig vor, zu spät.

Als wir wieder in unserem alten Quartier im Trainigscenter sind, mache ich den Vorschlag mit dem öffentlichen Heiratsantrag. Peeta ist einverstanden, aber danach verschwindet er für lange Zeit in seinem Zimmer. Haymitch sagt, ich soll ihn in Ruhe lassen.

»Ich dachte, er wollte es sowieso«, sage ich.

»Aber nicht so«, sagt Haymitch. »Er wollte, dass es echt ist.«

Ich gehe in mein Zimmer und lege mich ins Bett, ich versuche, nicht an Gale zu denken, und denke doch an nichts anderes.

An diesem Abend quasseln wir uns auf der Bühne vor dem Trainingscenter durch einen ganzen Fragenkatalog. Caesar Flickerman in seinem glitzernden nachtblauen Anzug, die Haare, Lider und Lippen immer noch taubenblau gefärbt, führt uns fehlerfrei durch das Interview. Als er uns nach der Zukunft fragt, kniet Peeta nieder, schüttet mir sein Herz aus und bittet mich, ihn zu heiraten. Natürlich nehme ich seinen Antrag an. Caesar ist außer sich, das Publikum im Kapitol flippt aus, Aufnahmen von Menschen überall in Panem zeigen ein Volk im Glück.

Präsident Snow höchstpersönlich macht einen Überraschungsbesuch, um uns zu gratulieren. Er drückt Peeta die Hand und klopft ihm anerkennend auf die Schulter. Er umarmt mich, hüllt mich in den Geruch aus Blut und Rosen und drückt mir einen schmatzigen Kuss auf die Wange. Als er sich zurückzieht, die Finger in meinen Arm gräbt und mir ins Gesicht lächelt, wage ich es, die Brauen zu heben. Sie stellen die Frage, die ich nicht über die Lippen bringe. Habe ich es geschafft? Hat es gereicht? Hat es gereicht, dass ich dir alles gegeben habe, dass ich das Spiel weitergespielt und versprochen habe, Peeta zu heiraten ?

Zur Antwort schüttelt er fast unmerklich den Kopf.

6

In dieser winzigen Bewegung erkenne ich das Ende der Hoffnung, die beginnende Zerstörung all dessen, was mir lieb ist auf der Welt. Ich habe keine Ahnung, wie meine Strafe ausfällt, wie weit das Netz ausgeworfen wird, doch am Ende wird höchstwahrscheinlich nichts mehr übrig sein. Also sollte man meinen, dass ich in diesem Moment am Boden zerstört sein müsste. Aber es ist ganz merkwürdig. Ich empfinde vor allem eine Art Erleichterung. Dass ich das Spiel aufgeben kann. Dass die Frage, ob ich dieses Unternehmen gewinnen kann, beantwortet ist, selbst wenn die Antwort ein dröhnendes Nein ist. Und wenn verzweifelte Zeiten verzweifelte Maßnahmen erfordern, dann kann ich mich so verzweifelt aufführen, wie ich will.

Allerdings nicht hier, noch nicht jetzt. Das Wichtigste ist, dass ich zurück in den Distrikt 12 komme, denn zu meinem Plan werden auf jeden Fall meine Mutter und meine Schwester, Gale und seine Familie gehören. Und Peeta, wenn ich ihn überreden kann mitzukommen. Auch Haymitch setze ich auf die Liste. Das sind die Menschen, die ich mitnehmen muss, wenn ich in die Wildnis fliehe. Wie ich sie überzeugen soll, wo wir im tiefsten Winter hinkönnen, was es bedeutet, auf der Flucht zu sein, das sind unbeantwortete Fragen. Aber wenigstens weiß ich jetzt, was zu tun ist.

Anstatt also weinend zu Boden zu sinken, merke ich, dass ich so aufrecht und selbstbewusst dastehe wie seit Wochen nicht. Mein Lächeln ist zwar etwas idiotisch, aber nicht gezwungen. Und als Präsident Snow das Publikum zum Schweigen bringt und sagt: »Was halten Sie davon, wenn die beiden hier im Kapitol ihre Hochzeit feiern?«, da verwandle ich mich mühelos in das Mädchen, das vor Freude fast ausrastet.

Caesar Flickerman fragt den Präsidenten, ob er schon einen Termin ins Auge gefasst habe.

»Oh, ehe wir uns auf einen Termin festlegen, sollten wir uns lieber mit Katniss’ Mutter einigen«, sagt der Präsident. Das Publikum grölt und der Präsident legt einen Arm um mich. »Wenn alle im Land es ganz fest wollen, dann kommst du vielleicht unter die Haube, bevor du dreißig bist.«

»Wahrscheinlich müssen Sie dafür ein neues Gesetz erlassen«, sage ich kichernd.

»Wenn’s weiter nichts ist«, sagt der Präsident mit einem verschwörerischen Grinsen.

Ach, wie wir zwei uns miteinander amüsieren.

Das Fest, das im Bankettsaal von Präsident Snows Anwesen stattfindet, sucht seinesgleichen. Die weit über zehn Meter hohe Decke ist in einen Nachthimmel verwandelt worden und die Sterne sehen genauso aus wie zu Hause. Vom Kapitol aus sehen sie vermutlich auch so aus, aber wer weiß? In der Stadt ist immer zu viel Licht, um die Sterne zu sehen. Irgendwo in der Mitte zwischen dem Fußboden und der Decke schweben die Musiker auf etwas, das aussieht wie bauschige weiße Wolken, aber ich kann nicht erkennen, was sie in der Luft hält. Statt der großen Tische sind überall im Saal Sofas und Sessel gruppiert, einige um Kamine herum, andere an duftenden Blumengärten oder Teichen mit exotischen Fischen, und die Gäste können in aller Bequemlichkeit essen und trinken und tun, was ihnen gefällt. In der Mitte des Saals ist eine große geflieste Fläche, die zum Tanzen, als Bühne für die unterschiedlichsten Künstler und einfach als Treffpunkt für die extravagant gekleideten Gäste dient.

Doch der eigentliche Star des Abends ist das Essen. Tafeln voller Köstlichkeiten sind an den Wänden entlang aufgebaut. Alles, was man sich nur vorstellen kann, steht dort bereit, Speisen, die man sich nie hätte träumen lassen. Ganze gebratene Rinder, Schweine und Ziegen, die sich noch am Spieß drehen. Riesige Platten mit Geflügel, gefüllt mit herrlichen Früchten und Nüssen. Meerestiere, die mit Soßen beträufelt sind oder darauf warten, in würzige Dips getunkt zu werden. Zahllose Käsesorten, verschiedene Brote, Gemüse, Desserts; Kaskaden von Wein und Ströme von Spirituosen, auf denen die Flammen züngeln.

Mit meinem Kampfgeist ist auch mein Appetit wieder erwacht. Nachdem ich wochenlang vor lauter Sorgen kaum essen konnte, habe ich jetzt einen Riesenhunger.

»Ich will alles probieren, was es gibt«, sage ich zu Peeta.

Ich sehe ihm an, dass er versucht, meine Miene zu deuten, den Wandel nachzuvollziehen. Er weiß ja nicht, dass ich in den Augen von Präsident Snow versagt habe, deshalb kann er nur schlussfolgern, dass ich glaube, wir hätten es geschafft. Vielleicht sogar, dass ich mich über unsere Verlobung wirklich ein bisschen freue. Seine Verwirrung spiegelt sich in seinem Blick, aber nur kurz, denn wir werden gefilmt. »Dann lass es lieber langsam angehen«, sagt er.

»Na gut, nicht mehr als einen Bissen von jedem Gericht«, sage ich. Ich werde meinem Vorsatz schon an dem ersten Tisch mit rund zwanzig Suppen untreu, als ich eine cremige Kürbissuppe mit geraspelten Nüssen und kleinen schwarzen Samen probiere. »Die könnte ich den ganzen Abend essen!«, rufe ich. Aber das tue ich nicht. Bei einer klaren grünen Brühe, deren Geschmack sich nur mit dem Wort »frühlingshaft« beschreiben lässt, werde ich erneut schwach, und dann noch einmal, als ich ein rosafarbenes, mit Himbeeren getupftes Schaumsüppchen koste.

Gesichter tauchen auf, Namen werden ausgetauscht, Fotos geknipst, Küsschen auf Wangen gehaucht. Meine Spotttölpelbrosche hat anscheinend eine neue Mode ins Leben gerufen, mehrere Leute kommen zu mir, um mir ihre Accessoires zu zeigen. Der Vogel ist auf Gürtelschnallen zu sehen, auf Seidenrevers gestickt, sogar an intimen Stellen eintätowiert. Alle wollen das Zeichen der Siegerin tragen. Ich kann nur ahnen, wie das Präsident Snow zur Weißglut bringen muss. Aber was kann er tun? Die Spiele sind so gut angekommen, hier, wo die Beeren nur für das verzweifelte Mädchen stehen, das den Geliebten retten will.

Peeta und ich suchen keine Gesellschaft, ganz von selbst kommen die Leute zu uns. Wir sind die Hauptattraktion auf dem Fest. Ich tue so, als wäre ich hocherfreut, aber die Leute vom Kapitol interessieren mich kein bisschen. Sie lenken mich nur vom Essen ab.

Jeder Tisch hält neue Verlockungen bereit und selbst mit der Alles-nur-einmal-probieren-Regel werde ich schnell satt. Ich nehme mir einen kleinen gebratenen Vogel, beiße hinein und Orangensoße breitet sich auf meiner Zunge aus. Köstlich. Doch den Rest dränge ich Peeta auf, weil ich noch mehr probieren möchte, und die Vorstellung, Essen wegzuwerfen, wie es hier so viele Leute gedankenlos tun, ist mir ein Graus. Nach etwa zehn Tischen bin ich satt, dabei haben wir nur einen kleinen Teil der Gerichte durchprobiert.

Genau in dem Moment kommt mein Vorbereitungsteam auf uns zugestürmt. Sie sind ganz außer sich von dem Alkohol und vor Begeisterung darüber, bei so einer großen Sache dabei zu sein.

»Warum isst du nichts?«, fragt Octavia.

»Hab ich schon, jetzt kriege ich nichts mehr runter«, sage ich. Alle lachen, als wäre es das Albernste, was sie je gehört haben.

»Davon lässt man sich doch nicht abhalten!«, sagt Flavius. Sie führen uns zu einem Tisch, auf dem kleine Weingläser stehen, die mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt sind. »Trinkt das!«

Als Peeta ein Glas nimmt, um einen Schluck zu trinken, flippen sie aus.

»Doch nicht hier!«, schreit Octavia.

»Du musst es dadrin trinken«, sagt Venia und zeigt auf eine Tür, die zu den Toiletten führt. »Sonst landet doch alles auf dem Boden!«

Peeta schaut wieder auf das Glas, bis er begreift. »Du meinst, dass ich mich davon übergeben muss?«

Mein Vorbereitungsteam lacht hysterisch. »Na klar, damit du weiteressen kannst«, sagt Octavia. »Ich war schon zweimal dadrin. Alle machen das, wie soll man so ein Festessen sonst genießen?«

Ich bin sprachlos, ich starre auf die hübschen kleinen Gläser und denke an Octavias Worte. Peeta stellt sein Glas mit einer Präzision zurück, als könnte es explodieren. »Komm, Katniss, wir tanzen.«

Musik dringt durch die Wolken herab, während er mich von dem Team und dem Tisch wegführt und mit mir zur Tanzfläche geht. Von zu Hause kennen wir nur wenige Tänze, solche, die zu Fidein und Flöten passen und für die man ziemlich viel Platz braucht. Doch Effie hat uns einige Tänze gezeigt, die im Kapitol beliebt sind. Die Musik ist langsam und traumgleich, also zieht Peeta mich in seine Arme, und wir drehen uns im Kreis, fast ohne Schritte. Diesen Tanz könnte man auf einem Kuchenteller tanzen. Eine Weile schweigen wir. Dann spricht Peeta mit gepresster Stimme.

»Da macht man mit, denkt sich, man kommt damit Idar und vielleicht sind sie doch nicht so übel, und dann …« Er verstummt.

Ich muss an die ausgemergelten Kinder auf unserem Küchentisch denken, an meine Mutter, die das verschreibt, was die Eltern nicht haben. Mehr zu essen. Jetzt, da wir reich sind, wird sie ihnen einiges mit nach Hause geben. Aber damals hatten wir oft nichts, was sie ihnen hätte geben können, und häufig kam für das Kind ohnehin jede Hilfe zu spät. Und hier im Kapitol übergeben sich die Leute, um sich die Bäuche nur zum Spaß erneut vollschlagen zu können. Nicht weil sie körperlich oder seelisch krank wären, nicht weil das Essen verdorben wäre. Das macht man eben so auf einem Fest. Es wird erwartet. Gehört zum Vergnügen dazu.

Einmal, als ich bei Hazelle vorbeiging, um ihr Wild zu bringen, war Vick mit einem schlimmen Husten zu Hause. Da der Kleine zu Gales Familie gehört, bekommt er mehr zu essen als neunzig Prozent der Bevölkerung von Distrikt 12. Trotzdem redete er eine Viertelstunde davon, dass sie eine Dose Maissirup vom Pakettag aufgemacht hätten, dass jeder einen Löffel voll aufs Brot bekommen habe und dass es im Laufe der Woche vielleicht noch mehr geben werde. Und Hazelle hatte gesagt, sie könne ihm vielleicht ein bisschen Sirup in den Tee tun gegen den Husten, aber er fand das ungerecht, wenn die anderen nicht auch etwas bekämen. Wenn es schon bei Gale so zugeht, wie muss es dann erst in den anderen Häusern sein?

»Peeta, die bringen uns her, damit wir uns zu ihrer Unterhaltung bis auf den Tod bekämpfen«, sage ich. »Im Vergleich dazu ist das hier doch gar nichts.«

»Ich weiß. Ich weiß ja. Aber manchmal halte ich es einfach nicht mehr aus. Bis … bis ich nicht mehr weiß, was ich tun werde.« Er schweigt, dann flüstert er: »Vielleicht haben wir einen Fehler gemacht, Katniss.«

»Was meinst du?«, frage ich.

»Vielleicht hätten wir nicht versuchen sollen, die Unruhen in den Distrikten zu unterdrücken«, sagt er. Schnell schaue ich nach links und rechts, doch niemand scheint es gehört zu haben. Die Kameraleute haben sich an einen Tisch mit Meeresfrüchten locken lassen, und die tanzenden Paare um uns herum sind entweder zu betrunken oder zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um etwas zu merken.

»Tut mir leid«, sagt er. Richtig so. Hier ist nicht der Ort, um solche Gedanken auszusprechen.

»Spar dir das für zu Hause auf«, sage ich.

In diesem Moment kommt Portia mit einem großen Mann an, der mir vage bekannt vorkommt. Sie stellt ihn als Plutarch Heavensbee vor, den neuen Obersten Spielmacher. Plutarch fragt Peeta, ob er mich für einen Tanz entführen dürfe. Peeta hat jetzt wieder sein Kameragesicht aufgesetzt und reicht mich freundlich weiter, warnt den Mann jedoch, mich nicht zu sehr in Beschlag zu nehmen.

Ich will nicht mit Plutarch Heavensbee tanzen. Will nicht seine Hände spüren, eine an meiner Hand, eine auf meiner Hüfte. Ich bin es nicht gewohnt, angefasst zu werden, außer von Peeta oder meiner Familie, und Spielmacher rangieren bei mir, was meinen Wunsch nach Körperkontakt angeht, irgendwo unter Maden. Immerhin scheint er das zu spüren und hält mich auf Armeslänge von sich, während wir uns auf dem Tanzboden drehen.

Wir plaudern über das Fest, über die Unterhaltung, das Essen, und dann macht er einen Witz darüber, dass er seit dem Training einen weiten Bogen um Punsch mache. Ich verstehe nicht, was er meint, bis mir klar wird, dass er derjenige ist, der rückwärts in eine Schüssel mit Punsch gestolpert ist, als ich während des Trainings einen Pfeil auf die Spielmacher abgeschossen habe. Eigentlich nicht auf die Spielmacher. Ich habe ihrem Spanferkel den Apfel aus dem Maul geschossen. Aber ich habe sie erschreckt.

»Ach, Sie sind das …« Ich lache bei der Erinnerung daran, wie er in den Punsch geplatscht ist.

»Ja. Und es wird Sie freuen zu hören, dass ich mich immer noch nicht richtig davon erholt habe«, sagt Plutarch.

Ich würde gern erwidern, dass zweiundzwanzig tote Tribute sich auch nicht mehr von den Spielen erholen werden, an deren Planung er beteiligt war. Doch ich sage nur: »Gut. Dann sind Sie dieses Jahr also der Oberste Spielmacher? Das ist ja bestimmt eine große Ehre.«

»Unter uns gesagt, gab es nicht viele Kandidaten für den Job«, sagt er. »So eine große Verantwortung für den Ausgang der Spiele.«

Ja, und der letzte Verantwortliche ist tot, denke ich. Natürlich weiß er Bescheid über Seneca Crane, aber er wirkt ganz ungerührt. »Planen Sie schon das Jubel-Jubiläum?«, frage ich.

»Oh ja. Die Vorbereitungen laufen selbstverständlich schon seit Jahren. Arenen werden nicht an einem Tag erbaut. Doch über die besondere Würze der Spiele, wenn wir es einmal so nennen wollen, wird jetzt entschieden. Ob Sie es glauben oder nicht, heute Nacht habe ich eine Strategiebesprechung«, sagt er.

Plutarch tritt einen Schritt zurück und zieht eine goldene Taschenuhr aus der Westentasche. Er klappt den Deckel auf, und als er sieht, wie spät es ist, runzelt er die Stirn. »Ich muss gleich gehen.« Er dreht die Uhr so herum, dass ich das Zifferblatt sehen kann. »Um Mitternacht geht es los.«

»Das ist aber spät für …«, setze ich an, doch da fällt mir etwas auf. Plutarch fährt mit dem Daumen über das Kristallglas der Uhr und ganz kurz flackert ein Bild auf. Es ist ein Spotttölpel. Genau wie die Brosche an meinem Kleid. Nur dass dieser wieder verschwindet. Plutarch klappt die Uhr zu.

»Das ist eine sehr schöne Uhr«, sage ich.

»Oh, sie ist mehr als schön. Sie ist einmalig«, sagt er. »Falls jemand nach mir fragen sollte, sagen Sie bitte, ich sei zu Bett gegangen. Die Besprechungen sollen geheim bleiben. Doch ich dachte mir, Ihnen könnte ich davon erzählen.«

»Ja. Ihr Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben«, sage ich.

Als wir uns die Hände reichen, verbeugt er sich leicht, eine übliche Geste hier im Kapitol. »Nun denn, wir sehen uns im nächsten Sommer bei den Spielen, Katniss. Alles Gute für Ihre Verlobung und viel Glück mit Ihrer Mutter.«

»Das kann ich brauchen«, sage ich.

Plutarch verschwindet, und ich schlendere auf der Suche nach Peeta durch die Menge, während fremde Menschen mir gratulieren. Zu meiner Verlobung, zu meinem Sieg bei den Spielen, zur Farbe meines Lippenstifts. Ich antworte ihnen, doch in Wirklichkeit denke ich daran, wie Plutarch mir stolz seine schöne, einmalige Taschenuhr gezeigt hat. Irgendetwas daran war merkwürdig. Fast heimlichtuerisch. Aber warum? Vielleicht denkt er, jemand könnte seine Idee klauen, einen Spotttölpel auf einer Uhr aufblitzen zu lassen. Ja, wahrscheinlich hat er ein Vermögen dafür bezahlt, und jetzt kann er sie keinem zeigen, weil er befürchtet, dass jemand ein billiges Imitat anfertigen lässt. Nur im Kapitol kann er sie sehen lassen.

Als ich Peeta finde, bewundert er gerade einen Tisch mit kunstvoll dekorierten Torten. Die Bäcker sind extra aus der Küche gekommen, um mit ihm über Zuckerguss und Co. zu fachsimpeln; sie überschlagen sich fast, um seine Fragen zu beantworten. Auf seine Bitte hin stellen sie eine Auswahl kleiner Torten zusammen, die er mit nach Distrikt 12 nehmen kann, um ihre Arbeit in Ruhe zu studieren.

»Effie sagte, wir müssen um eins im Zug sein. Ich frage mich, wie spät es wohl ist«, sagt er und schaut in die Runde.

»Kurz vor Mitternacht«, sage ich. Ich nehme eine Schokoladenblume von einer Torte und knabbere daran, über Manieren mache ich mir jetzt gar keine Gedanken.

»Es ist Zeit, Danke und Auf Wiedersehen zu sagen«, flötet Effie an meiner Seite. In einem Moment wie diesem liebe ich sie für ihre zwanghafte Pünktlichkeit. Wir sammeln Cinna und Portia ein, und Effie führt uns herum, damit wir uns von den wichtigen Leuten verabschieden können, dann scheucht sie uns zur Tür.

»Müssen wir uns nicht bei Präsident Snow bedanken?«, fragt Peeta. »Schließlich ist es sein Haus.«

»Ach, er ist nicht so ein Partylöwe. Zu beschäftigt«, sagt Effie. »Ich habe schon dafür gesorgt, dass er morgen die nötigen Karten und Geschenke bekommt. Da seid ihr ja!« Effie winkt zwei Dienern des Kapitols zu, die einen alkoholisierten Haymitch in ihrer Mitte haben.

In einem Wagen mit getönten Scheiben fahren wir durch die Straßen des Kapitols. Die Vorbereitungsteams folgen uns in einem anderen Wagen. Die Scharen der feiernden Menschen sind so dicht, dass wir nur langsam vorankommen. Doch Effie hat alles bis ins Kleinste geplant und um Punkt eins sind wir wieder im Zug und verlassen den Bahnhof.

Haymitch wird in seinem Abteil abgelegt. Cinna bestellt Tee, und wir setzen uns alle an den Tisch, während Effie mit ihren Zeitplänen raschelt und uns daran erinnert, dass wir uns immer noch auf der Tour befinden. »Wir müssen an das Erntefest in Distrikt 12 denken. Daher schlage ich vor, dass wir jetzt unseren Tee trinken und dann direkt ins Bett gehen.« Niemand widerspricht.

Als ich die Augen wieder öffne, ist es früher Nachmittag. Mein Kopf ruht auf Peetas Arm. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er letzte Nacht hereingekommen ist. Ich drehe mich um, vorsichtig, um ihn nicht zu stören, aber er ist schon wach.

»Keine Albträume«, sagt er. »Was?«, frage ich.

»Letzte Nacht hattest du keine Albträume«, sagt er.

Das stimmt. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit habe ich durchgeschlafen. »Aber ich habe etwas geträumt«, erwidere ich und versuche mich zu erinnern. »Ich bin einem Spotttölpel durch den Wald gefolgt. Ganz lange. In Wirklichkeit war er Rue. Als er sang, hatte er ihre Stimme.«

»Wohin hat sie dich geführt?«, fragt Peeta und streicht mir die Haare aus der Stirn.

»Ich weiß nicht. Wir sind nicht angekommen«, sage ich. »Aber ich war glücklich.«

»Du hast auch geschlafen, als ob du glücklich wärst«, sagt er.

»Peeta, wieso merke ich es nie, wenn du einen Albtraum hast?«, frage ich.

»Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass ich weine oder um mich schlage oder so. Ich wache einfach auf und bin wie gelähmt vor Panik«, sagt er.

»Dann weck mich doch«, sage ich und denke daran, dass ich ihn in meinen schlechten Nächten oft zwei-oder dreimal wecke. Und dass es dann oft ganz lange dauert, bis ich mich wieder beruhigt habe.

»Das ist nicht nötig. Meine Albträume handeln meistens davon, dass ich dich verliere«, sagt er. »Wenn ich merke, dass du da bist, geht es mir schon wieder gut.«

Uff. Peeta sagt so etwas einfach dahin und es trifft mich wie ein Schlag in den Magen. Er hat mir nur eine ehrliche Antwort auf meine Frage gegeben. Er drängt mich nicht, darauf etwas zu erwidern, irgendeine Liebeserklärung zu machen. Trotzdem fühle ich mich schrecklich, als hätte ich ihn gemein ausgenutzt. Habe ich das? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es mir zum ersten Mal unmoralisch vorkommt, ihn hier in meinem Bett zu haben. Was schon paradox ist - schließlich sind wir jetzt offiziell verlobt.

»Wenn wir erst zu Hause sind und ich wieder allein schlafe, wird das schlimmer«, sagt er.

Stimmt ja, wir sind fast zu Hause.

Für Distrikt 12 steht heute ein Abendessen im Haus von Bürgermeister Undersee auf dem Programm und morgen während des Erntefests eine Siegesfeier auf dem Platz. Das Erntefest wird immer am letzten Tag der Tour gefeiert, doch normalerweise bedeutet es ein Essen zu Hause oder mit ein paar Freunden, wenn man es sich leisten kann. Dieses Jahr wird es eine öffentliche Veranstaltung sein, und da das Kapitol alles spendiert, wird sich der ganze Distrikt den Bauch vollschlagen können.

Die Vorbereitung wird zum größten Teil im Haus des Bürgermeisters stattfinden, denn jetzt müssen wir uns für die Auftritte im Freien wieder in Pelze hüllen. Am Bahnhof bleiben wir nur kurz, wir lächeln und winken, während wir uns ins Auto zwängen. Nicht einmal unsere Familien bekommen wir vor dem Abendessen zu Gesicht.

Ich bin froh, dass das Essen beim Bürgermeister stattfindet und nicht im Justizgebäude, wo die Gedenkfeier für meinen Vater abgehalten wurde und wo ich mich nach der Ernte so qualvoll von meiner Familie verabschieden musste. Das Justizgebäude ist zu sehr mit Trauer verbunden.

Das Haus von Bürgermeister Undersee dagegen gefällt mir, besonders seit seine Tochter Madge und ich Freundinnen sind. In gewisser Weise waren wir das schon immer. Offiziell wurden wir es, als sie sich persönlich von mir verabschiedet hat, bevor ich in die Spiele ziehen musste. Da hat sie mir die Spotttölpelbrosche als Glücksbringer gegeben. Als ich wieder zu Hause war, haben wir uns hin und wieder getroffen. Es stellte sich heraus, dass auch Madge viele leere Stunden füllen muss. Am Anfang war es ein bisschen krampfig, weil wir nicht wussten, was wir machen sollten. Andere Mädchen in unserem Alter habe ich über Jungs reden hören oder über andere Mädchen oder über Mode. Madge und ich tratschen nicht gern und Kleider finde ich sterbenslangweilig. Doch nach einigen missglückten Anläufen begriff ich, dass sie für ihr Leben gern in den Wald wollte, also habe ich sie ein paarmal mitgenommen und ihr gezeigt, wie man mit Pfeil und Bogen umgeht. Sie versucht mir Klavierspielen beizubringen, aber ich höre lieber zu, wenn sie spielt. Manchmal esse ich bei ihr zu Hause oder sie bei mir. Madge gefällt es bei mir besser. Ihre Eltern scheinen nett zu sein, aber ich glaube nicht, dass Madge sie oft zu Gesicht bekommt. Ihr Vater hat als Oberhaupt von Distrikt 12 jede Menge zu tun, und ihre Mutter leidet häufig unter heftigen Kopfschmerzen, die sie tagelang ans Bett fesseln.

»Vielleicht solltet ihr sie mal ins Kapitol bringen«, sagte ich einmal, als es wieder so schlimm war. An dem Tag spielten wir nicht Klavier, denn selbst über zwei Stockwerke hinweg war das Geräusch für ihre Mutter schmerzhaft. »Die würden sie wieder hinkriegen, jede Wette.«

»Ja. Aber ins Kapitol geht man nicht, außer man ist eingeladen«, sagte Madge unglücklich. Auch die Privilegien eines Bürgermeisters sind begrenzt.

Als wir zum Haus des Bürgermeisters kommen, kann ich Madge nur kurz drücken, bevor Effie mich in den zweiten Stock scheucht, damit ich mich umziehe. Nachdem ich zurechtgemacht und in ein langes Silberkleid gehüllt bin, muss ich immer noch eine Stunde bis zum Abendessen totschlagen, also stehle ich mich davon, um Madge zu suchen.

Ihr Zimmer liegt im ersten Stock, wo sich auch mehrere Gästezimmer und das Arbeitszimmer ihres Vaters befinden. Ich strecke den Kopf zur Tür des Arbeitszimmers hinein, um ihrem Vater Guten Tag zu sagen, doch er ist nicht da. Der Fernseher läuft vor sich hin und ich sehe Bilder von Peeta und mir auf dem Fest im Kapitol gestern Abend. Wie wir tanzen, essen und uns küssen. Das läuft in diesem Moment in jedem Haushalt von Panem. Den Zuschauern muss das tragische Liebespaar aus Distrikt 12 schon zum Hals raushängen. So geht es mir jedenfalls.

Ich gehe aus dem Zimmer, als ich plötzlich ein Piepsen höre. Ich drehe mich um und sehe, wie der Bildschirm des Fernsehers schwarz wird. Dann blinken die Worte »AKTUELLER BERICHT AUS DISTRIKT 8« auf. Ich weiß instinktiv, dass das nicht für meine Augen bestimmt ist, sondern nur für die des Bürgermeisters. Ich müsste jetzt gehen. Und zwar schnell. Stattdessen trete ich näher an den Fernseher heran.

Jetzt erscheint eine Sprecherin, die ich noch nie gesehen habe. Sie hat grau meliertes Haar und eine heisere, herrische Stimme. Sie sagt, dass die Zustände sich verschlimmern und dass Alarmstufe 3 ausgerufen wurde. Zusätzliche Truppen würden nach Distrikt 8 geschickt, die gesamte Textilproduktion sei eingestellt worden.

Dann ein Schnitt von der Sprecherin zum zentralen Platz von Distrikt 8. Ich erkenne ihn, weil ich vor einer Woche noch dort war. Von den Dächern wehen immer noch Flaggen mit meinem Gesicht darauf. Darunter spielt sich ein Riesenchaos ab. Schreiende Menschen sind auf dem Platz, die Gesichter hinter Tüchern und selbst gemachten Masken versteckt, sie werfen mit Ziegelsteinen. Häuser stehen in Flammen. Friedenswächter schießen in die Menge, töten wahllos.

Ich habe so etwas noch nie gesehen, aber es kann nur eins bedeuten. Ich sehe das, was Präsident Snow einen Aufstand genannt hat.

7

Ein Lederbeutel mit Essen und eine Thermoskanne mit heißem Tee. Ein Paar mit Fell gefutterte Handschuhe, die Cinna dagelassen hat. Drei Zweige, von den kahlen Bäumen abgebrochen, liegen im Schnee und zeigen in die Richtung, in die ich gehen werde. Diese Sachen hinterlasse ich Gale am ersten Sonntag nach dem Erntefest an unserem Treffpunkt.

Ich bin immer weiter durch die kalten, nebligen Wälder gelaufen, auf einem Weg, den Gale nicht kennen wird, der für meine Füße jedoch leicht zu finden ist. Er führt zum See. Ich vertraue nicht mehr darauf, dass unser üblicher Treffpunkt Abgeschiedenheit bietet, doch genau das und noch mehr brauche ich, um Gale heute mein Herz auszuschütten. Aber wird er überhaupt kommen? Wenn nicht, habe ich keine Wahl, dann muss ich mitten in der Nacht zu ihm gehen. Es gibt etwas, das er wissen muss … Er muss mir helfen, es zu verstehen …

In dem Moment, als ich begriff, was ich bei Bürgermeister Undersee im Fernsehen sah, ging ich zur Tür und durch den Flur. Gerade rechtzeitig, denn kurz darauf kam der Bürgermeister die Treppe hoch. Ich winkte ihm zu.

»Suchst du Madge?«, fragte er freundlich.

»Ja. Ich möchte ihr mein Kleid zeigen«, sagte ich.

»Na, du weißt ja, wo du sie findest.« In dem Augenblick kam wieder das Piepsen aus seinem Büro. Seine Miene wurde ernst. »Entschuldige mich bitte«, sagte er. Er ging in sein Arbeitszimmer und machte die Tür fest hinter sich zu.

Ich wartete im Flur, bis ich mich wieder gefasst hatte. Erinnerte mich daran, dass ich mich normal benehmen musste. Dann ging ich zu Madge. Sie saß in ihrem Zimmer an der Kommode vor einem Spiegel und kämmte sich das blond gewellte Haar. Sie trug dasselbe hübsche weiße Kleid wie am Tag der Ernte. Sie sah mich im Spiegel und lächelte. »Schau dich an. Als kämst du direkt von den Straßen im Kapitol.«

Ich trat näher. Meine Finger berührten den Spotttölpel. »Selbst meine Brosche passt jetzt. Spotttölpel sind im Kapitol total angesagt, durch dich. Willst du die Brosche wirklich nicht zurückhaben?«, fragte ich.

»Quatsch, ich hab sie dir geschenkt«, sagte Madge. Sie band die Haare mit einem festlichen Goldband zurück.

»Woher hast du sie eigentlich?«, fragte ich.

»Sie hat meiner Tante gehört«, sagte sie. »Aber ich glaube, sie ist schon lange im Familienbesitz.«

»Merkwürdig, ausgerechnet ein Spotttölpel«, sagte ich. »Ich meine, wegen der Rebellion. Da haben die Schnattertölpel dem Kapitol doch einen Strich durch die Rechnung gemacht.«

Die Schnattertölpel waren Mutationen, genetisch veränderte männliche Vögel, die das Kapitol erschaffen hatte, um Rebellen im Distrikt auszuspionieren. Die Vögel konnten sich viele Wörter merken und sie wiederholen, deshalb wurden sie in die aufständischen Gebiete geschickt, damit sie dem Kapitol berichten konnten, was dort geredet wurde. Die Rebellen bekamen das spitz und setzten die Schnattertölpel gegen das Kapitol ein, indem sie ihnen lauter Lügen erzählten. Als das herauskam, ließ man die Schnattertölpel aussterben. Binnen weniger Jahre kamen sie in der Wildnis nicht mehr vor, doch zuvor hatten sie sich mit weiblichen Spottdrosseln gepaart und eine ganz neue Art erschaffen.

»Aber Spotttölpel sind nie als Waffe eingesetzt worden«, sagte Madge. »Sie sind nur Singvögel. Oder?«

»Ja, das stimmt wohl«, sagte ich. Aber dem ist nicht so. Eine Spottdrossel ist nur ein Singvogel. Ein Spotttölpel ist ein Tier, das es nach dem Willen des Kapitols gar nicht geben dürfte. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass der streng überwachte Schnattertölpel so schlau sein würde, sich an die Wildnis anzupassen, seinen genetischen Code weiterzugeben, sich in neuer Gestalt weiterzuentwickeln. Sie hatten nicht mit seinem Lebenswillen gerechnet.

Während ich jetzt durch den Schnee stapfe, sehe ich die Spotttölpel, wie sie von Zweig zu Zweig hüpfen, während sie die Melodien anderer Vögel aufschnappen, sie nachahmen und in etwas Neues verwandeln. Wie immer erinnern sie mich an Rue. Ich denke an den Traum, den ich letzte Nacht im Zug hatte, als ich sie in Gestalt eines Spotttölpels sah und ihr folgte. Hätte ich doch noch ein wenig länger geschlafen und herausgefunden, wohin sie mich führen wollte.

Zum See ist es ein ganz schöner Marsch, keine Frage. Wenn Gale sich überhaupt entscheidet, mir zu folgen, wird er sich darüber ärgern, dass er so viel Energie verschwendet, die er besser auf die Jagd verwenden könnte. Es war auffällig, dass zu dem Festessen im Haus des Bürgermeisters seine Familie gekommen ist, er selbst aber nicht. Hazelle sagte, er sei krank, das war offensichtlich gelogen. Beim Erntefestival konnte ich ihn auch nicht entdecken. Vick hat mir erzählt, er sei auf der Jagd. Das stimmte wahrscheinlich.

Nach einigen Stunden komme ich zu einem alten Haus nah am Ufer des Sees. »Haus« ist vielleicht übertrieben. Es besteht nur aus einem Zimmer, ungefähr vier Quadratmeter groß. Mein Vater meinte, dass es hier vor langer Zeit viele Häuser gab - man kann noch Teile der Fundamente sehen - und dass die Leute herkamen, um am See zu spielen und zu fischen. Dieses Haus hat die anderen überlebt, weil es aus Beton erbaut wurde. Der Boden, das Dach, die Decke. Nur eines der vier Glasfenster ist erhalten, es ist mit der Zeit wellig und trüb geworden. Strom und fließend Wasser gibt es nicht, aber der Kamin funktioniert noch, und in einer Ecke ist Holz aufgestapelt, das mein Vater und ich vor Jahren gesammelt haben. Ich zünde ein kleines Feuer an, der Nebel dürfte den verräterischen Rauch verbergen. Während das Feuer anfangt zu brennen, fege ich den Schnee weg, der sich unter den Fenstern ohne Scheiben angesammelt hat; ich benutze dafür einen Reisigbesen, den mein Vater mir gemacht hat, als ich ungefähr acht war und hier Vater-Mutter-Kind gespielt habe. Ich setze mich auf die kleine Betonplatte des Kamins, lasse mich am Feuer auftauen und warte auf Gale.

Überraschend schnell taucht er auf. Er trägt einen Bogen über der Schulter und an seinem Gürtel hängt ein toter Truthahn. Gale steht in der Tür, als überlegte er, ob er hereinkommen soll oder nicht. Er hält den ungeöffneten Lederbeutel mit Essen in den Händen, die Thermoskanne, Cinnas Handschuhe. Geschenke, die er nicht annehmen will, weil er so wütend auf mich ist. Ich weiß genau, wie es in ihm aussieht. Habe ich nicht dasselbe mit meiner Mutter gemacht?

Ich schaue ihm in die Augen. Seine Wut kann nicht ganz überdecken, wie verletzt er ist, wie verraten er sich wegen meiner Verlobung mit Peeta fühlt. Dieses Treffen heute ist meine letzte Chance, Gale nicht für immer zu verlieren. Ich könnte ihm stundenlang alles erklären und selbst dann noch könnte er mich zurückweisen. Stattdessen komme ich direkt zum Hauptpunkt meiner Verteidigung.

»Präsident Snow hat mir persönlich damit gedroht, dich töten zu lassen«, sage ich.

Gale hebt die Augenbrauen, aber richtig ängstlich oder überrascht sieht er nicht aus. »Sonst noch jemanden?«

»Nun ja, er hat mir nicht direkt eine Liste überreicht. Aber wir können wohl davon ausgehen, dass unsere beiden Familien betroffen sind«, sage ich.

Jetzt kommt er doch zum Kamin. Er hockt sich vor das Feuer und wärmt sich auf. »Es sei denn?«

»Kein >es sei denn<, so, wie es jetzt aussieht«, sage ich. Das müsste ich natürlich genauer erklären, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, also sitze ich nur da und starre bedrückt ins Feuer.

Nach einer Weile bricht Gale das Schweigen. »Tja, danke für die Warnung.«

Ich drehe mich zu einer schroffen Erwiderung um, als ich das Funkeln in seinen Augen sehe. Ich hasse mich dafür, dass ich lächeln muss. An der Situation ist nichts Komisches, aber es ist wohl ein bisschen viel auf einmal. Sie werden uns alle auslöschen, ganz gleich, was passiert. »Ich hab einen Plan, weißt du.«

»Ja, der ist bestimmt klasse«, sagt er. Er schmeißt mir die Handschuhe auf den Schoß. »Da. Ich will keine abgelegten Handschuhe von deinem Verlobten haben.«

»Er ist nicht mein Verlobter. Das ist Teil der Komödie. Und die Handschuhe sind auch nicht von ihm. Sie haben Cinna gehört«, sage ich.

»Dann gib sie wieder her«, sagt er. Er zieht die Handschuhe an, bewegt die Finger und nickt anerkennend. »Wenigstens werde ich mit warmen Händen sterben.«

»Sehr optimistisch. Du weißt ja gar nicht, was passiert ist«, sage ich.

»Lass hören«, sagt er.

Ich fange mit dem Abend an, als Peeta und ich zu den Siegern der Hungerspiele gekrönt wurden und Haymitch mich vor dem Zorn des Kapitols warnte. Ich erzähle von der Sorge, die mich nicht losließ, selbst als ich schon zu Hause war, von Präsident Snows Besuch, den Morden in Distrikt 11, den Spannungen in der Bevölkerung, dem allerletzten Rettungsversuch durch die Verlobung, der Andeutung des Präsidenten, dass es nicht gereicht hat, von meiner Überzeugung, dass ich werde büßen müssen.

Gale unterbricht mich kein einziges Mal. Während ich erzähle, steckt er die Handschuhe in die Tasche und bereitet aus dem Kissen im Lederbeutel eine Mahlzeit für uns. Er röstet Brot und Käse, entkernt Äpfel, legt Kastanien zum Rösten ins Feuer. Ich beobachte seine Hände, seine schönen, geschickten Finger. Narbig, so wie meine waren, ehe im Kapitol meine Haut geglättet wurde, aber stark und flink. Diese Hände sind kräftig genug, Kohle zu hauen, und fein genug, komplizierte Fallen zu bauen. Es sind Hände, denen ich vertraue.

Ich halte inne und trinke einen Schluck Tee aus der Thermoskanne, ehe ich von meiner Heimkehr erzähle.

»Da hast du ja ein ganz schönes Durcheinander angerichtet«, sagt er.

»Ich bin noch gar nicht fertig«, erwidere ich.

»Ich hab vorerst genug gehört. Überspring den Rest und erzähl von deinem Plan«, sagt er.

Ich atme tief durch. »Wir hauen ab.«

»Was?«, sagt er. Damit hat er überhaupt nicht gerechnet.

»Wir gehen in den Wald und fliehen«, sage ich. Seine Miene ist undurchdringlich. Wird er mich auslachen, meine Idee als idiotisch abtun? Beunruhigt stehe ich auf, ich mache mich auf eine Auseinandersetzung gefasst. »Du hast selbst gesagt, wir könnten es tun! An dem Morgen der Ernte. Da hast du gesagt …«

Er kommt auf mich zu, und ich merke, wie ich hochgehoben werde. Das Zimmer dreht sich, und ich muss die Arme um seinen Hals legen, damit ich nicht das Gleichgewicht verliere. Er lacht, er ist glücklich.

»Hey!«, rufe ich abwehrend, aber ich lache auch.

Gale setzt mich wieder ab, lässt mich jedoch nicht los. »Gut, dann hauen wir ab«, sagt er.

»Wirklich? Du hältst mich nicht für verrückt? Du kommst mit?« Jetzt drückt das Gewicht mich nicht mehr ganz so nieder, ich habe es auf Gales Schultern abgeladen.

»Doch, ich halte dich für verrückt, aber ich komme trotzdem mit«, sagt er. Er meint es ernst. Nicht nur das, er findet es gut. »Wir können es schaffen, das weiß ich. Lass uns abhauen und nie wiederkommen!«

»Meinst du wirklich?«, frage ich. »Das wird ganz schön schwer, mit den Kleinen und so. Ich möchte nicht zehn Kilometer in den Wald laufen und du musst dann …«

»Ich meine es wirklich. Ganz und gar, vollkommen, hundertprozentig.« Er senkt den Kopf, legt seine Stirn an meine und zieht mich näher an sich. Seine Haut, sein ganzer Körper strahlt Wärme aus, weil er so nah am Feuer war, und ich schließe die Augen, sauge seine Wärme ein. Ich atme den Geruch von schneenassem Leder, Rauch und Äpfeln ein, den Geruch all der Wintertage, die wir vor den Spielen miteinander verbracht haben. Ich versuche nicht, mich zu befreien. Warum auch? Seine Stimme wird zu einem Flüstern. »Ich liebe dich.«

Deshalb also.

Ich sehe so etwas nie kommen. Es geht zu schnell. Im einen Moment schlage ich einen Fluchtplan vor und im nächsten … soll ich auf so etwas reagieren. Ich gebe die wohl schlimmstmögliche Antwort: »Ich weiß.«

Das klingt schrecklich. Als glaubte ich, er könnte gegen seine Gefühle nichts machen, und als erwiderte ich sie nicht. Gale will sich aus der Umarmung befreien, doch ich halte ihn fest. »Ich weiß! Und du … du weißt, was du mir bedeutest.« Das ist nicht genug. Er löst sich aus meinem Griff. »Gale, ich kann im Moment an niemanden so denken. Seit Prims Name bei der Ernte gezogen wurde, kann ich jeden Tag, jeden wachen Augenblick an nichts anderes denken als an meine Angst. Da ist gar kein Raum für etwas anderes. Wenn wir irgendwo in Sicherheit wären, würde ich vielleicht anders empfinden. Ich weiß es nicht.«

Ich sehe, wie er die Enttäuschung hinunterschluckt. »Dann hauen wir also ab. Wir werden es herausfinden.« Er dreht sich wieder zum Feuer, wo die Kastanien anfangen zu brennen. Schnell holt er sie heraus auf den Kaminboden. »Meine Mutter wird sich nicht so leicht überzeugen lassen.«

Ich glaube, er will immer noch mitkommen. Aber die Freude ist verflogen, hat einer allzu bekannten Anspannung Platz gemacht. »Meine auch nicht. Ich muss es ihr einfach begreiflich machen. Ich nehme sie auf einen langen Spaziergang mit. Sie muss einsehen, dass wir anders nicht überleben können.«

»Sie wird es verstehen. Ich hab die Spiele oft zusammen mit ihr und Prim angeschaut. Sie wird es dir nicht abschlagen«, sagt Gale.

»Hoffentlich nicht.« In wenigen Sekunden scheint es im Haus zwanzig Grad kälter geworden zu sein. »Haymitch wird die härteste Nuss.«

»Haymitch?« Gale vergisst die Kastanien. »Du willst ihn doch nicht fragen, ob er mitkommt?«

»Das muss ich, Gale. Ich kann ihn und Peeta nicht zurücklassen, sie würden …« Ich verstumme, als ich seine finstere Miene sehe. »Was ist?«

»Tut mir leid. Mir war nicht klar, dass wir so viele sein würden«, sagt er schroff.

»Sie würden die beiden zu Tode foltern, um rauszukriegen, wo ich bin«, sage ich.

»Und Peetas Familie? Die würden doch nie mitkommen. Im Gegenteil, wahrscheinlich könnten sie es gar nicht abwarten, uns zu verraten. Und bestimmt ist er so schlau, dass er das kapiert. Wenn er sich nun entscheidet, hierzubleiben?«, fragt er.

Ich versuche, unbeteiligt zu klingen, aber meine Stimme überschlägt sich. »Dann bleibt er eben.«

»Du würdest ihn zurücklassen?«, fragt Gale.

»Ja, um Prim und meine Mutter zu retten«, antworte ich. »Ich meine, nein! Ich werde ihn dazu bringen, mitzukommen.«

»Und mich, würdest du mich zurücklassen?« Gales Miene ist jetzt wie versteinert. »Nur für den Fall, dass ich zum Beispiel meine Mutter nicht überreden kann, drei kleine Kinder im Winter mit in die Wildnis zu schleppen.«

»Hazelle sagt nicht Nein. Sie ist vernünftig«, sage ich.

»Aber wenn nicht, Katniss. Was dann?«, will er wissen.

»Dann musst du sie eben zwingen, Gale. Glaubst du, ich denke mir das alles nur aus?« Jetzt bin ich auch wütend und werde lauter.

»Nein. Ich weiß nicht. Vielleicht will der Präsident dich nur manipulieren. Ich meine, er richtet deine Hochzeit aus. Du hast ja gesehen, wie die Massen im Kapitol reagiert haben. Ich glaube nicht, dass er es sich leisten kann, dich umzubringen. Oder Peeta. Wie soll er sich da rauswinden?«, sagt Gale.

»Bei dem Aufstand in Distrikt 8 hat er bestimmt Besseres zu tun, als meine Hochzeitstorte auszusuchen!«, rufe ich.

Kaum sind die Worte heraus, möchte ich sie auch schon wieder zurücknehmen. Sie wirken augenblicklich auf Gale - seine Wangen werden rot, seine grauen Augen leuchten. »In Distrikt 8 gibt es einen Aufstand?«, fragt er gedämpft.

Ich versuche zurückzurudern. Ihn zu beschwichtigen, so, wie ich die Distrikte versucht habe zu beschwichtigen. »Ich weiß nicht, ob es wirklich ein Aufstand ist. Es gibt Unruhen. Die Leute auf den Straßen …«

Gale fasst mich bei den Schultern. »Was hast du gesehen?«

»Nichts! Ich hab es nicht selbst gesehen. Ich hab nur was gehört.« Wie immer ist es zu wenig, zu spät. Ich gebe auf und erzähle es ihm. »Ich hab beim Bürgermeister was im Fernsehen gesehen. Was ich eigentlich nicht sehen sollte. Da war eine Menschenmenge und Feuer, und die Friedenswächter haben Leute über den Haufen geschossen, aber es gab Widerstand …« Ich beiße mir auf die Lippe und versuche mit Mühe, die Szene weiter zu beschreiben. Stattdessen spreche ich die Worte aus, die mich seitdem quälen. »Und ich bin schuld, Gale. Weil ich das mit den Beeren in der Arena gemacht habe. Wenn ich mich einfach umgebracht hätte, wäre das alles nicht passiert. Peeta wäre nach Hause gekommen und hätte weiterleben können und alle anderen wären auch in Sicherheit gewesen.«

»In was für einer Sicherheit?«, sagt er, sanfter jetzt. »In der Sicherheit, zu verhungern? Wie Sklaven zu arbeiten? Ihre Kinder zur Ernte zu schicken? Du hast den Leuten nichts angetan - du hast ihnen eine Chance gegeben. Sie müssen nur den Mut haben, sie zu ergreifen. In den Bergwerken habe ich schon etwas gehört. Einige wollen kämpfen. Verstehst du nicht? Es passiert! Endlich passiert es! Wenn es in Distrikt 8 einen Aufstand gibt, warum nicht auch hier? Warum nicht überall? Das könnte es sein, das, was wir …«

»Hör auf! Du weißt ja nicht, was du da sagst. Die Friedenswächter außerhalb von Distrikt 12, die sind nicht wie Darius, nicht mal wie Cray! Denen bedeutet ein Menschenleben weniger als nichts!«, sage ich.

»Deshalb müssen wir mitkämpfen«, erwidert er scharf.

»Nein! Wir müssen fort von hier, bevor sie uns und jede Menge anderer Menschen auch noch umbringen!« Jetzt schreie ich wieder, ich verstehe nicht, was er hat. Warum sieht er nicht, was so offensichtlich ist?

Gale schiebt mich unsanft weg. »Dann hau doch ab. Ich gehe nicht in hunderttausend Jahren.«

»Eben wolltest du noch gern mitkommen. Ich verstehe nicht, was ein Aufstand in Distrikt 8 ausmacht, außer dass unsere Flucht dadurch noch dringlicher wird. Du bist ja nur sauer wegen …« Nein, ich kann ihm jetzt nicht Peeta ins Gesicht schleudern. »Was ist mit deiner Familie?«

»Was ist mit den anderen Familien, Katniss? Mit denen, die nicht weglaufen können? Begreifst du nicht? Jetzt kann es nicht mehr darum gehen, unser Leben zu retten. Nicht, wenn die Rebellion angefangen hat!« Gale schüttelt den Kopf, er macht keinen Hehl aus seinem Ärger über mich. »Du könntest so viel tun.« Er wirft mir Cinnas Handschuhe vor die Füße. »Ich hab meine Meinung geändert. Ich will nichts haben, was im Kapitol gemacht wurde.« Und damit ist er verschwunden.

Ich schaue auf die Handschuhe. Nichts, was im Kapitol gemacht wurde? War das auf mich gemünzt? Meint er, ich bin jetzt auch bloß noch ein Produkt des Kapitols und deshalb unberührbar? Ich werde wütend, es ist so ungerecht. Aber in die Wut mischt sich Angst davor, was für eine Verrücktheit er wohl als Nächstes anstellt.

Ich lasse mich neben das Feuer sinken, ich brauche etwas Tröstliches, um den nächsten Schritt planen zu können. Ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass Revolutionen nicht an einem Tag gemacht werden. Vor morgen kann Gale nicht mit den Bergarbeitern sprechen. Wenn ich es vorher zu Hazelle schaffe, kann sie ihm vielleicht den Kopf zurechtrücken.

Aber jetzt kann ich nicht zu ihr. Falls er da ist, würde er mich aussperren. Vielleicht heute Nacht, wenn alle anderen schlafen … Hazelle hat oft bis in die Nacht mit ihrer Wäsche zu tun. Dann könnte ich zu ihr gehen, ans Fenster klopfen und ihr erklären, was los ist, damit sie Gale vor einer Dummheit bewahrt.

Mein Gespräch mit Präsident Snow im Arbeitszimmer fällt mir wieder ein.

»Meine Berater hatten Sorge, du könntest Schwierigkeiten machen, aber du hast nicht vor, Schwierigkeiten zu machen, oder?«, fragt er.

»Nein«, sage ich.

»Das habe ich ihnen auch gesagt. Ich habe gesagt, ein Mädchen, das so viel auf sich nimmt, um sein Leben zu retten, wird kein Interesse daran haben, es leichtfertig wegzuwerfen.«

Ich denke daran, wie hart Hazelle gearbeitet hat, um ihre Familie zu retten. Bestimmt wird sie in dieser Frage auf meiner Seite sein. Oder?

Es muss jetzt schon bald Mittag sein und die Tage sind so kurz. Nach Anbruch der Dunkelheit sollte man nicht im Wald sein, wenn es nicht unbedingt sein muss. Ich trete die Überreste meines kleinen Feuers aus, räume die Essensreste weg und stecke Cinnas Handschuhe unter den Gürtel. Ich werde sie wohl noch eine Weile behalten. Für den Fall, dass Gale seine Meinung ändert. Ich denke an seine Miene, als er sie weggeworfen hat. Wie sehr er sie abgelehnt hat und auch mich …

Ich stapfe durch den Wald bis zu meinem alten Haus, wo immer noch Licht brennt. Mein Gespräch mit Gale war ein harter Rückschlag, aber ich bin weiterhin entschlossen, aus Distrikt 12 zu fliehen. Als Nächstes nehme ich mir vor, Peeta zu suchen. Er hat auf der Tour ja teilweise dasselbe gesehen wie ich, vielleicht habe ich da mit ihm leichteres Spiel als mit Gale. Ich laufe ihm in die Arme, als er gerade aus dem Dorf der Sieger kommt.

»Auf der Jagd gewesen?«, fragt er. Ich sehe ihm an, dass er das für keine gute Idee hält.

»Nicht direkt. Gehst du in die Stadt?«, frage ich.

»Ja. Meine Familie erwartet mich zum Abendessen«, sagt er.

»Ich kann dich ja wenigstens begleiten.« Die Straße vom Dorf der Sieger zum zentralen Platz wird kaum benutzt. Dort kann man einigermaßen gefahrlos reden. Aber irgendwie bringe ich die Worte nicht über die Lippen. Bei Gale bin ich so kläglich gescheitert. Ich nage an meinen rissigen Lippen. Mit jedem Schritt kommen wir näher zum Platz. So bald wird sich vielleicht keine Gelegenheit mehr bieten. Ich hole tief Luft und lasse die Worte heraussprudeln. »Peeta, wenn ich dich bitten würde, mit mir aus dem Distrikt zu fliehen, würdest du es tun?«

Peeta fasst mich am Arm, hält mich an. Er braucht mir nicht ins Gesicht zu schauen, um sich zu vergewissern, dass ich es ernst meine. »Kommt drauf an, weshalb du fragst.«

»Ich habe Präsident Snow nicht überzeugt. In Distrikt 8 gibt es einen Aufstand. Wir müssen hier raus«, sage ich.

»Wen meinst du mit >wir

»Meine Familie. Deine, wenn sie mitkommen wollen. Haymitch vielleicht«, sage ich.

»Und Gale?«, fragt er.

»Ich weiß nicht. Vielleicht hat er andere Pläne«, sage ich.

Peeta schüttelt den Kopf und lächelt mich betrübt an. »Das hat er garantiert. Klar, Katniss, ich komme mit.«

Ich sehe einen Hoffnungsschimmer. »Wirklich?«

»Ja. Aber ich glaube kein bisschen, dass du fliehen wirst«, sagt er.

Ich reiße mich los. »Dann kennst du mich aber schlecht. Halt dich bereit. Es kann jeden Moment so weit sein.« Ich laufe los und er folgt mir im Abstand von ein oder zwei Schritten.

»Katniss«, sagt Peeta. Ich verlangsame meine Schritte nicht. Wenn er die Idee nicht gut findet, will ich es nicht wissen, denn ich habe keine andere. »Katniss, bleib stehen.« Ich kicke einen schmutzigen gefrorenen Schneeklumpen vom Weg und warte, bis Peeta mich eingeholt hat. Mit dem Kohlenstaub sieht alles besonders hässlich aus. »Ich komme wirklich mit, wenn du das willst. Ich meine nur, wir sollten lieber mit Haymitch darüber reden. Nicht, dass wir für die Menschen hier alles noch schlimmer machen.« Er schaut hoch. »Was ist das?«

Ich hebe den Kopf. Ich war so mit meinen eigenen Sorgen beschäftigt, dass ich die merkwürdigen Geräusche, die vom Platz her kommen, gar nicht bemerkt habe. Ein Zischen, ein Knall, Menschen, die aufstöhnen.

»Komm weiter«, sagt Peeta, plötzlich mit harter Miene. Ich weiß nicht, warum. Ich kann das Geräusch nicht einordnen, habe keine Ahnung, was da los ist. Aber für ihn bedeutet es etwas Schlimmes.

Als wir auf den Platz kommen, sehe ich, dass irgendetwas los ist, aber die Menschen stehen so gedrängt, dass man nichts erkennen kann. Peeta steigt auf eine Kiste an der Wand des Süßwarengeschäfts und reicht mir eine Hand, während er über den Platz schaut. Ich bin schon fast oben, als er mir plötzlich den Weg verstellt. »Runter. Weg hier!« Er flüstert, doch seine Stimme ist hart und drängend.

»Was ist?«, frage ich und versuche, auf die Kiste zu steigen.

»Lauf nach Hause, Katniss! Ich bin sofort bei dir, ich schwöre es!«, sagt er.

Was es auch ist, es muss furchtbar sein. Ich reiße mich von seiner Hand los und zwänge mich durch die Menge. Die Leute sehen mich, erkennen mein Gesicht, dann werden sie panisch. Hände schieben mich zurück. Stimmen zischen.

»Hau ab hier, Mädchen.«

»Machst es nur schlimmer.«

»Was willst du? Sollen sie ihn umbringen?«

Aber jetzt klopft mein Herz schon so schnell und heftig, dass ich sie kaum höre. Ich weiß nur, dass das, was da mitten auf dem Platz wartet, für mich bestimmt ist. Als ich mich schließlich durchgekämpft habe und auf den offenen Platz gelange, sehe ich, dass ich recht habe. Und dass Peeta recht hatte. Und die Stimmen hatten auch recht.

Gale ist mit den Handgelenken an einen Holzpfahl gebunden. Über ihm hängt der Truthahn, den er geschossen hatte, ein Nagel geht durch den Hals des Tiers. Gales Jacke ist zu Boden geworfen worden, das Hemd haben sie ihm vom Leib gerissen. Er kniet bewusstlos auf der Erde, nur die Stricke an den Handgelenken halten ihn. Was einmal sein Rücken war, ist ein rohes, blutiges Stück Fleisch.

Hinter ihm steht ein Mann, den ich noch nie gesehen habe, doch die Uniform kenne ich. Sie gehört unserem Obersten Friedenswächter. Aber das hier ist nicht der alte Cray. Dieser Mann ist groß und muskulös und seine Hose hat ordentliche Bügelfalten.

Die Einzelteile wollen sich nicht zu einem Bild zusammenfügen, bis ich sehe, wie er den Arm mit der Peitsche hebt.

8

»Nein!«, schreie ich und mache einen Satz nach vorn. Der herabsausende Arm lässt sich nicht mehr aufhalten, und ich weiß instinktiv, dass ich nicht die Kraft habe, ihn abzuwehren. Stattdessen werfe ich mich genau zwischen Gale und die Peitsche. Ich reiße die Arme hoch, um seinen geschundenen Köper so gut wie möglich zu schützen, da ist nichts, was den Schlag ablenken könnte. Mit voller Wucht trifft er mich auf der linken Gesichtshälfte.

Der Schmerz ist grausam und unmittelbar. Gezackte Lichtblitze erscheinen vor meinen Augen und ich falle auf die Knie. Mit einer Hand halte ich mir die Wange, während ich mich mit der anderen abstütze, um nicht umzukippen. Ich spüre schon, wie der Striemen dick wird und wie mein Auge zuschwillt. Die Steine unter mir sind nass von Gales Blut, der Geruch des Blutes liegt schwer in der Luft. »Hören Sie auf! Sie bringen ihn um!«, kreische ich.

Ganz kurz sehe ich das Gesicht meines Angreifers. Hart, mit tiefen Furchen, einem brutalen Mund. Graue Haare, der Kopf fast kahl rasiert, die Augen so schwarz, dass sie nur aus Pupillen zu bestehen scheinen, eine lange gerade Nase, rot von der Eiseskälte. Der kräftige Arm geht wieder hoch, jetzt hat der Mann mich im Visier. Meine Hand fährt an meine Schulter, jetzt ein Pfeil, aber natürlich sind meine Waffen im Wald verstaut. Ich beiße die Zähne zusammen und warte auf den nächsten Hieb.

»Aufhören!«, befiehlt da jemand. Es ist Haymitch, er stolpert über einen am Boden liegenden Friedenswächter. Darius. Eine gewaltige lilafarbene Beule schiebt sich auf seiner Stirn durch das rote Haar. Er ist bewusstlos, aber er atmet noch. Was ist passiert? Hat er versucht, Gale zu helfen, bevor ich kam?

Haymitch achtet nicht auf ihn und zieht mich grob hoch. »Na super.« Er fasst mir unter das Kinn. »Sie hat nächste Woche ein Fotoshooting, Hochzeitskleider vorführen. Was soll ich ihrem Stylisten erzählen?«

Ich sehe ein Zeichen des Erkennens über das Gesicht des Mannes mit der Peitsche huschen. Warm eingepackt, wie ich bin, ungeschminkt, den Pferdeschwanz nachlässig unter den Mantel gesteckt, bin ich wohl nicht ohne Weiteres als Siegerin der letzten Hungerspiele zu erkennen. Vor allem nicht mit einer geschwollenen Gesichtshälfte. Haymitch dagegen ist seit Jahren regelmäßig im Fernsehen zu sehen und ihn vergisst man nicht so leicht.

Der Mann lässt die Peitsche auf die Hüfte sinken. »Sie hat die Bestrafung eines geständigen Verbrechers gestört.«

Alles an diesem Mann, seine herrische Stimme, sein merkwürdiger Akzent, ist eine einzige Warnung vor einer unbekannten, schrecklichen Gefahr. Woher kommt er? Aus Distrikt 11 ? 3? Aus dem Kapitol selbst?

»Und wenn sie das verdammte Justizgebäude in die Luft gesprengt hätte! Gucken Sie sich ihre Wange an! Meinen Sie, die ist in einer Woche kameratauglich?«, fährt Haymitch den Mann an.

Die Stimme des Mannes ist immer noch kalt, doch ich höre leisen Zweifel heraus. »Das ist nicht mein Problem.«

»Nein? Na, das wird es aber noch, Freundchen. Wenn ich nach Hause komme, rufe ich als Erstes im Kapitol an«, sagt Haymitch. »Um rauszukriegen, wer Sie ermächtigt hat, das hübsche kleine Gesicht meiner Siegerin zu vermurksen!«

»Er hat gewildert. Was geht es das Mädchen überhaupt an?«, sagt der Mann.

»Er ist ihr Cousin.« Peeta nimmt jetzt meinen anderen Arm, aber sanft. »Und sie ist meine Verlobte. Wenn Sie ihn haben wollen, müssen Sie erst mal uns beide kleinkriegen.«

Wahrscheinlich sind wir drei die Einzigen im Distrikt, die so einen Auftritt zustande bringen. Wenn auch nur kurz, denn diese Sache wird ein Nachspiel haben. Aber im Augenblick will ich nichts als Gales Leben retten. Der neue Oberste Friedenswächter schaut zu seiner Truppe. Erleichtert entdecke ich dort die bekannten Gesichter, alte Freunde vom Hob. Ich sehe ihnen an, dass ihnen die Vorstellung nicht gefällt.

Eine Friedenswächterin tritt mit steifen Schritten vor, sie heißt Purnia und isst regelmäßig am Stand von Greasy Sae. »Ich glaube, für ein erstes Vergehen hat er genügend Hiebe erhalten. Es sei denn, Sie verhängen die Todesstrafe, die wir durch ein Erschießungskommando vollziehen würden.«

»Ist das hier das übliche Verfahren?«, fragt der Oberste Friedenswächter.

»Ja«, sagt Purnia, und mehrere nicken. Garantiert weiß das überhaupt keiner, denn wenn jemand mit einem Truthahn auf dem Hob auftaucht, ist das übliche Verfahren, dass sich alle um die Keulen reißen.

»Nun gut, Mädchen. Dann schaff deinen Cousin von hier fort. Und wenn er wieder zu sich kommt, erinnere ihn daran, dass ich, sollte er noch einmal im Gebiet des Kapitols wildern, höchstpersönlich das Erschießungskommando versammeln werde.« Darauf wischt der Oberste Friedenswächter mit der Hand über die Peitsche und bespritzt uns mit Blut. Dann wickelt er sie ordentlich auf und geht davon.

Die meisten anderen Friedenswächter folgen ihm in loser Formation. Eine kleine Gruppe bleibt zurück und hebt Darius an Armen und Beinen hoch. Ich fange Purnias Blick auf und sage lautlos »Danke«, ehe sie geht. Sie gibt keine Antwort, doch ich weiß, dass sie mich verstanden hat.

»Gale.« Ich drehe mich um, fummele an den Knoten, mit denen seine Handgelenke zusammengebunden sind. Jemand reicht ein Messer durch und Peeta durchtrennt die Seile. Gale sinkt auf dem Boden zusammen.

»Bringt ihn lieber zu deiner Mutter«, sagt Haymitch.

Wir haben keine Trage, doch die alte Frau am Kleiderstand verkauft uns das Brett, das ihr als Verkaufstheke dient. »Erzählt bloß keinem, wo ihr das herhabt«, sagt sie und packt schnell ihre restlichen Sachen zusammen. Der Platz ist jetzt fast leer, die Angst ist stärker als das Mitgefühl. Nach dem, was gerade passiert ist, kann ich es niemandem verdenken.

Als wir Gale mit dem Gesicht nach unten auf das Brett legen, sind nur noch eine Handvoll Leute übrig, die ihn tragen können. Haymitch, Peeta und ein paar Bergarbeiter, die in derselben Mannschaft arbeiten wie Gale, heben ihn hoch.

Ein Mädchen namens Leevy, das im Saum ganz bei uns in der Nähe wohnt, fasst mich am Arm. Meine Mutter hat ihrem kleinen Bruder letztes Jahr das Leben gerettet, als er die Masern hatte. »Brauchst du Hilfe auf dem Rückweg?« Der Blick ihrer grauen Augen ist ängstlich, aber entschlossen.

»Nein, aber kannst du Hazelle holen? Sie herschicken?«, frage ich.

»Ja«, sagt Leevy und läuft sofort los.

»Leevy!«, rufe ich. »Sie soll die Kinder nicht mitbringen.«

»Nein, ich bleibe bei ihnen«, sagt sie.

»Danke.« Ich nehme Gales Jacke und laufe hinter den anderen her.

»Kühl das mit Schnee«, befiehlt Haymitch über die Schulter hinweg. Ich nehme eine Handvoll Schnee und halte ihn an die Wange; das betäubt den Schmerz ein wenig. Mein linkes Auge tränt jetzt heftig und in dem Dämmerlicht kann ich nur den Stiefeln vor mir hinterherlaufen.

Während wir gehen, höre ich, wie Bristel und Thorn, Gales Kollegen, die Geschichte Stück für Stück erzählen. Offenbar war Gale zu Cray gegangen, wie er es schon hundertmal gemacht hat, weil er weiß, dass Cray für einen Truthahn immer einen guten Preis zahlt. Doch statt Cray hat er den neuen Obersten Friedenswächter angetroffen, einen Mann, von dem irgendwer sagte, er heiße Romulus Thread. Was mit Cray passiert ist, weiß niemand. Heute Morgen noch hat er auf dem Hob klaren Schnaps gekauft, da hatte er offenbar noch das Sagen im Distrikt, aber jetzt ist er unauffindbar. Thread hat Gale sofort verhaftet, und da Gale mit einem toten Truthahn in der Hand dastand, konnte er wenig zu seiner Verteidigung vorbringen. Es sprach sich schnell herum, dass er in der Klemme steckte. Er wurde auf den Platz gebracht, zu einem Schuldgeständnis gezwungen und zu einer Auspeitschung verurteilt, die sofort vollzogen wurde. Als ich kam, hatte er schon mindestens vierzig Peitschenhiebe hinter sich. Ungefähr bei dreißig verlor er das Bewusstsein.

»Ein Glück, dass er nur den Truthahn bei sich hatte«, sagt Bristel. »Wenn er seinen üblichen Fang gehabt hätte, war es ihm noch viel schlimmer ergangen.«

»Er hat Thread erzählt, er hätte den Truthahn gefunden, als er im Saum rumlief. Das Vieh war über den Zaun geflogen und er hätte es mit einem Stock abgestochen. Immer noch ein Verbrechen. Aber wenn sie gewusst hätten, dass er mit Waffen im Wald war, hätten sie ihn garantiert umgebracht«, sagt Thom.

»Was ist mit Darius?«, fragt Peeta.

»Nach ungefähr zwanzig Hieben ist er eingeschritten und hat gesagt, es sei genug. Nur hat er es nicht so geschickt und förmlich gemacht wie Purnia. Er hat Thread am Arm gepackt und da hat Thread ihm mit dem Griff der Peitsche auf den Kopf gehauen. Für Darius sieht es nicht besonders rosig aus«, sagt Bristel.

»Es sieht wohl für keinen von uns besonders rosig aus«, sagt Haymitch.

Es fängt an zu schneien, dicke nasse Flocken, dadurch kann ich noch schlechter sehen. Ich stolpere hinter den anderen her bis zu unserem Haus, lasse mich mehr von meinen Ohren leiten als von meinen Augen. Meine Mutter, die natürlich auf mich gewartet hat, nachdem ich einen langen Tag ohne Erklärung weggeblieben bin, versucht zu begreifen, was sie sieht.

»Neuer Oberster«, sagt Haymitch, und sie nickt nur kurz, als würde das alles erklären.

Wie immer erfüllt mich Ehrfurcht, als ich sehe, wie sie sich von der Frau, die mich ruft, damit ich eine Spinne töte, in eine Frau verwandelt, die immun ist gegen Angst. Wenn man ihr einen kranken oder sterbenden Menschen bringt… ich glaube, das sind die einzigen Momente, in denen meine Mutter weiß, wer sie ist. Im Nu ist der lange Küchentisch abgeräumt, ein steriles weißes Tuch wird darüber ausgebreitet und Gale hinaufgelegt. Meine Mutter gießt Wasser aus einem Kessel in eine Schüssel und lässt Prim verschiedene Medikamente aus dem Arzneischrank holen. Getrocknete Kräuter und Tinkturen und im Laden gekaufte Flaschen. Ich beobachte die Hände meiner Mutter, die langen, schmal zulaufenden Finger, die etwas in die Schüssel bröseln und Tropfen dazugeben. Sie tränkt ein Tuch in der heißen Flüssigkeit und weist Prim an, frisches Wasser aufzusetzen.

Meine Mutter schaut zu mir. »Bist du im Auge getroffen worden?«

»Nein, es ist nur zugeschwollen«, erkläre ich.

»Pack noch mal Schnee drauf«, sagt sie. Aber es gibt Wichtigeres als mich, das ist deutlich.

»Kannst du ihn retten?«, frage ich. Sie sagt nichts, während sie das Tuch auswringt und es in die Luft hält, damit es ein wenig abkühlt.

»Keine Bange«, sagt Haymitch. »Vor Crays Zeit wurde hier eine Menge gepeitscht. Wir haben sie immer alle zu deiner Mutter gebracht.«

An eine Zeit vor Cray kann ich mich nicht erinnern, an eine Zeit, als es einen Obersten Friedenswächter gab, der häufigen Gebrauch von der Peitsche machte. Da muss meine Mutter in meinem Alter gewesen sein und noch bei ihren Eltern in der Apotheke gearbeitet haben. Selbst damals hatten ihre Hände schon heilende Kräfte.

Ganz sanft beginnt sie das zerfetzte Fleisch auf Gales Rücken zu säubern. Ich fühle mich elend, nutzlos, der restliche Schnee tropft von meinem Handschuh und bildet auf dem Fußboden eine Pfütze. Peeta setzt mich in einen Sessel und hält mir ein Tuch mit frischem Schnee an die Wange.

Haymitch schickt Bristel und Thom nach Hause, und ich sehe, dass er ihnen Münzen in die Hand drückt, bevor sie gehen. »Keine Ahnung, was mit eurer Mannschaft passiert«, sagt er. Sie nicken und nehmen das Geld.

Da kommt Hazelle, atemlos, die Wangen gerötet und Schnee im Haar. Stumm setzt sie sich auf einen Hocker am Tisch, nimmt Gales Hand und drückt sie an die Lippen. Nicht einmal auf sie reagiert meine Mutter. Sie ist in diese gewisse Sphäre eingetreten, in der nur sie und der Patient Platz haben, hin und wieder auch Prim. Wir anderen können warten.

Trotz ihrer kundigen Hände dauert es lange, bis die Wunden gesäubert sind, bis das, was von der zerfetzten Haut noch zu retten ist, halbwegs hergerichtet, bis eine Salbe aufgetragen und ein leichter Verband umgelegt ist. Als das Blut weniger wird, sehe ich, wo jeder einzelne Peitschenhieb aufgekommen ist, und spüre den Nachhall in dem einen Striemen in meinem Gesicht. Ich multipliziere meinen eigenen Schmerz mit zwei, mit drei, mit vierzig und kann nur hoffen, dass Gale vorerst nicht zu Bewusstsein kommt. Das ist natürlich zu viel verlangt. Als die letzten Verbände angelegt werden, kommt ein Stöhnen über seine Lippen. Hazelle streicht ihm übers Haar und flüstert etwas, während meine Mutter und Prim ihren kärglichen Vorrat an Schmerzmitteln in Augenschein nehmen, Schmerzmittel, wie normalerweise nur Ärzte sie haben. Sie sind schwer zu bekommen, teuer und immer begehrt. Die stärksten muss meine Mutter für die schlimmsten Schmerzen aufbewahren, doch was sind die schlimmsten Schmerzen? Für mich sind es immer die Schmerzen, die gerade akut sind. Wenn ich zu bestimmen hätte, wären die Schmerzmittel in einem Tag aufgebraucht, weil ich es kaum ertragen kann, jemanden leiden zu sehen. Meine Mutter versucht sie für diejenigen aufzuheben, die im Sterben liegen, um ihnen den Abschied von der Welt zu erleichtern.

Da Gale wieder zu Bewusstsein kommt, entscheiden sie sich für eine Kräutermischung, die er schlucken kann. »Das reicht ganz bestimmt nicht«, sage ich. Sie starren mich an. »Das reicht nicht, ich weiß, wie es sich anfühlt. Damit kommt man ja kaum gegen Kopfschmerzen an.«

»Wir kombinieren es mit Schlafsirup, Katniss, dann schafft er das schon. Die Kräuter sind eher gegen die Entzündung …«, erklärt meine Mutter ruhig.

»Jetzt gib ihm schon die Medizin!«, schreie ich sie an. »Na los! Wer bist du überhaupt, dass du meinst, du könntest entscheiden, wie viel Schmerzen er ertragen kann!«

Gale bewegt sich unruhig, als er meine Stimme hört, er streckt die Arme nach mir aus. Durch die Bewegung tritt frisches Blut aus den Wunden und befleckt die Verbände, Gale stößt einen Schmerzenslaut aus.

»Bringt sie raus«, sagt meine Mutter. Haymitch und Peeta tragen mich buchstäblich aus dem Zimmer, während ich meine Mutter übel beschimpfe. Sie drücken mich auf ein Bett in einem der Gästezimmer und halten mich fest, bis ich mich nicht mehr wehre.

Während ich daliege und schluchze und die Tränen sich aus dem Schlitz quälen, der mein Auge ist, höre ich, wie Peeta Haymitch im Flüsterton von Präsident Snow und dem Aufstand in Distrikt 8 erzählt. »Sie will, dass wir alle fliehen«, sagt er, doch falls Haymitch dazu eine Meinung hat, behält er sie für sich.

Nach einer Weile kommt meine Mutter herein und behandelt mein Gesicht. Dann hält sie meine Hand und streichelt meinen Arm, während Haymitch ihr erzählt, was mit Gale passiert ist.

»Dann geht es also wieder los?«, sagt sie. »Wie damals?«

»Sieht ganz so aus«, sagt er. »Wer hätte gedacht, dass wir dem alten Cray mal nachtrauern würden?«

Cray wäre so oder so unbeliebt gewesen, weil er eine Uniform trug, aber außerdem wurde er im Distrikt für die Gewohnheit verabscheut, hungernde junge Frauen gegen Geld in sein Bett zu locken. In richtig schlechten Zeiten versammelten sich die Hungrigsten abends vor seiner Tür und wetteiferten um die Gelegenheit, ihren Körper für ein paar Münzen zu verkaufen und damit ihre Familien über Wasser zu halten. Wäre ich älter gewesen, als mein Vater starb, wäre ich vielleicht eine von ihnen geworden. Stattdessen lernte ich, wie man jagt.

Ich weiß nicht genau, was meine Mutter meint, wenn sie sagt, dass es wieder losgeht, aber ich habe zu große Schmerzen und zu viel Wut im Bauch, um zu fragen. Doch ich habe verstanden, dass wieder schlechte Zeiten kommen könnten, denn als es an der Tür klingelt, springe ich sofort aus dem Bett. Wer kann das zu dieser späten Stunde sein? Es gibt nur eine Möglichkeit. Die Friedenswächter.

»Sie kriegen ihn nicht«, sage ich.

»Vielleicht sind sie ja hinter dir her«, sagt Haymitch.

»Oder hinter dir«, erwidere ich.

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